Hysterics Part 1: Zwischen Adrenalin, Anfängen und Handwerk

Linda Güster
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Inhaltsverzeichnis
  1. Beschäftigungsstatus und Spielvielfalt
  2. Der Zufall im Forum
  3. Frühstücksradio und Thin Lizzy
  4. Erste Schritte im Esport – prägend ohne Ende
  5. Wenn das Leben dir Chancen gibt: Nutze sie
  6. Wachstumsschub – und der Sprung nach China
  7. Shanghai, Remote, Berlin
  8. Über die Zukunft als Globetrotter
  9. Familie zuerst – und Bildschirmzeit runter
  10. Handwerk, Anspruch, Vorbereitung
Hysterics
Image credit: Hysterics / Riot Games

LEC Summer Finals, Madrid. Nach dem BO-Tag wirkt Jake „Hysterics“ Osypenko zufrieden, aber leergecastet. „Wie gesagt, ich bin gerade ein bisschen… ein bisschen verquirlt im Kopf“, sagt er. Auf die Frage, ob das immer so ist, winkt er ab: „Nein, nein, das ist nach einem Cast. Meistens hab ich ein, zwei Red Bulls oder Energy Drinks intus – das spielt mit rein – aber es sind auch einfach drei, vier, fünf Stunden intensive Information. Du saugst alles auf und fokussierst dich.“

Er beschreibt, wie das in Serien wirklich ist: „Im Grunde bist du ja bei jedem einzelnen Spiel tief drin. Und, weißt du, Spiele sind intensiv – 20 bis 40, manchmal sogar 50 Minuten. Da bist du komplett fokussiert. Manchmal sind es fünf davon. Du nimmst so viel Information auf, dann hast du eine Pause, und du verdautest das irgendwie. Und dann, Tage später – ich würd sagen, der Tag danach – ist immer so eine Art Ruhetag. Innerlich.“

Beschäftigungsstatus und Spielvielfalt

Formalitäten, kurz und knapp: „Ich bin contracted.“ Nicht fest angestellt, aber ein fester Name. „Ich mach hauptsächlich League of Legends. Das ist das Grundspiel. Aber ich kann auch andere Sachen machen. In der Vergangenheit, als ich in Australien war und dort gelebt hab, hab ich Rocket League gemacht. Vor allem mit Gfinity. Und ich hab ein bisschen Counter-Strike gemacht, so hier und da, nichts allzu Großes. Ich hab die CS Pro League gemacht, einige der B-Streams, mit ESL Australia.“

Dazu kam World of Tanks: „Und dann hab ich World of Tanks gemacht, das war auch großartig.“ Der Grund, warum er damals so breit aufgestellt war, liegt für ihn auf der Hand: „Damals, in Australien, da gab es nicht genug Augen auf ein einziges Produkt. Ich hab das Gefühl, das ist ein großer Grund, warum League of Legends da ein bisschen gescheitert ist und warum Esports dort ziemlich starr ist. Du musst alles machen und musst ein Master sein. Du kannst nicht zu sehr ‚Jack of all trades‘ sein. Man muss Jack of all, Master of all sein. Weil es so wenige Jobs gibt. Wenn du nicht gut genug bist, dann hältst du dich dort einfach nicht über Wasser.“

Der Zufall im Forum

Auf die Frage nach Talent oder Plan sagt er ohne Umschweife: „Es war Zufall, weil ein Freund einen Forenpost gefunden hat. Und dieser Forenpost war buchstäblich: Wir suchen Shoutcaster, für League of Legends, für eine Challenger Series.“

Foren – das klingt nach einer anderen Zeit. „Ja, ich weiß, niemand redet mehr über Foren. Und dieser Post war so: Ja, wir suchen Leute. Ein Freund hat ihn gefunden, mir erzählt, und das war Ende 2014. Ich hab mich beworben.“ Der Prozess ging schnell: „Ich hab dann Interviews durchlaufen. Das erste Interview mit Pastrytime war einfach ein Cast mit ihm, so ein Probedurchlauf. Das mochte er. Er hat mich dann beim zweiten Interview einem Producer vorgestellt. Sie mochten es auch.“ Die Schlussfolgerung ist so trocken wie bedeutsam: „Und so hab ich angefangen.“

Wohin das noch führen sollte, war schnell klar: „Und dann hab ich einen Split gemacht. Und danach war ich so: Eigentlich mag ich das. Denn vorher war ich beim Schauspiel, ich wollte ins Fernsehen oder in Filme. Ich wollte irgendwas mit Stimme machen, was auch immer. Ich hab davor tatsächlich auch Community Radio gemacht.“

Frühstücksradio und Thin Lizzy

Wie früh das angefangen hat? „Nein, das war buchstäblich so: Ich kam aus der Schule raus und hab direkt gearbeitet.“ Parallel zum Job im Restaurant moderierte er frühmorgens: „Ich hab schon in einem Restaurant gearbeitet, aber so in Frühstücksschichten – und an Wochentagen, Montag bis Freitag, hab ich eine Frühstücksradioshow moderiert namens The Breakfast Boys.“ Der Jingle brennt sich ein: „Und das Titellied war Thin Lizzy – The Boys Are Back in Town. Weißt du, das war der Starter.“ Er grinst, und erinnert sich gern an die Zeit zurück, das merkt man.

Erste Schritte im Esport – prägend ohne Ende

Aus der Radiokabine ging es ins Tier-System von League: „Ich bin dann dazu übergegangen und war so: Oh, das mag ich wirklich, denn es ist Kommentar, es ist Reden, es hatte eine Mischung aus allem, was ich machen wollte – und ich hab Freude darin gefunden.“ Er ordnet seine Anfänge ein: „Dann hab ich Open Ladder gemacht, das war Tier drei, weil die Challenger Series in Ozeanien Tier zwei war. Und dann natürlich OPL back in the day, bevor es LCO wurde.“

Weil Casting-Jobs nicht konstant reinkamen, folgte Plan B – Arbeiten hinter den Kulissen: „Dann hab ich mit ESL hinter den Kulissen gearbeitet und hab mir so den Rat meines Vaters zu Herzen genommen: Du musst hart arbeiten, dann wirst du belohnt. Also hab ich mir gedacht: Okay, wie arbeite ich hart, wenn es nicht immer Casting-Gigs gibt? Ich arbeite in der Produktion.“ Der nächste Schritt: aktiv fragen. „Ich hab Nick Vanzetti gefragt – der ist jetzt, Head of Asia – er war damals Head of Australia. Und er hat mir eine Chance gegeben.“

Wenn das Leben dir Chancen gibt: Nutze sie

Die Chance bedeutete Langschichten: „Ich hab 80 Stunden, im Luna Park gemacht, das war so 2015 OPL. Tape kleben, Ethernet-Kabel hochziehen und einfach rumrennen und Leute vom Flughafen abholen. Das war mein Job.“ 2016 ging es ähnlich weiter: „Gleiches Ding hab ich 2016 gemacht, Brisbane Finals, das ist in Queensland in Australien. Und ich bin rumgefahren und hab im Grunde dasselbe gemacht.“

Er macht sich nichts vor: „Ich hab keine Tech-Skills. Ich hab keine IT-Skills und ich weiß nicht wirklich, was ich tue. Ja, ich spiel Computerspiele, aber ich versteh nicht das Innenleben.“ Trotzdem half das Spielerverständnis: „Ich hab Computer eingesteckt – immerhin da kommt mein Gaming-Skill rein – und dafür gesorgt, dass sie auf der Bühne laufen.“ Und ja: Kabel. „Ich hab so Sachen für Finals gemacht, Kabel verlegt und gelernt, wie man sie korrekt aufwickelt, damit sie sich nicht verheddern.“

Kurzer Einschub, trocken wie er selbst: „Cable Management ist… ja.“ Dann selbstironisch: „Auch wenn ich diese Skills heute nicht weiterverfolgt habe – ich bin ein bisschen faul.“ Unterm Strich waren es „große Stunden hinter den Kulissen“, die ihm etwas eingebracht haben: „…die mir nicht nur einen guten Ruf bei der ESL eingebracht haben, sondern mir auch gezeigt haben: Ja, du musst mehrere Dinge machen – zumindest in Australien. Und ich musste kriechen, bevor ich laufen konnte, bevor ich rennen konnte.“

Wachstumsschub – und der Sprung nach China

Auf die lange Linie geschaut, ordnet Hysterics die Jahre so ein: „Es ist jetzt eine sehr andere Landschaft, aber damals – als League schon fünf, sechs, sieben Jahre draußen war – war es noch in der Wachstumsphase. Ich denke, den Peak hat es 2019 erreicht, und 2020 – ich mein, Covid kam – aber trotzdem, das war so die Spitze, vielleicht 2018/2019.“ Seine eigene Lage beschreibt er nüchtern: „Ich war in einer guten Position, ich glaube, ich hab das Richtige getan, um zu zeigen, dass ich hart arbeiten will.“ Das Ende dieser Kette: „Und das hat mich schließlich 2019 nach China geführt.“

Shanghai, Remote, Berlin

„Ich hab von 2019 bis 2020 in Shanghai gelebt. Also zwei Jahre, also am Anfang von Covid“, sagt er. „Dann kam Covid, und dann war es schwierig, nach China zurückzukommen.“ 2021 folgte der temporäre Rückweg: „Und dann bin ich 2021 nach Australien zurück, und die LPL war da sowieso remote. Das hat ganz gut gepasst.“

Heute ist er in Europa – aus gutem Grund: „Ich lebe jetzt in Berlin.“ Klar, LEC. „Ich bin dieses Jahr mit meiner Frau offiziell umgezogen. Letztes Jahr war so eine Art Testrun, in dem ich als Gast da war, aber ich hab kontinuierlich Arbeit bekommen. Aber dieses Jahr wurde ich als Core Talent anerkannt, also sind wir umgezogen, wir haben so unser Leben hier in Berlin angefangen – fürs Erste – mit einem Kind unterwegs, meine Frau ist gerade so bei 30, 31 Wochen.“

Über die Zukunft als Globetrotter

Wie verändert das den Plan? „Ich mein, unser Plan ist, hier auf absehbare Zeit zu bleiben. Wir hoffen in der Zukunft vielleicht noch mehr Kinder zu haben, wenn das Erste so weit überlebt ist.“ Er lacht, und betont einen Punkt, der ihm dabei besonders wichtig ist: „Wir wollen ihre Schulbildung in Australien. So mit vier, fünf Jahren. Weil das sehr wichtig ist, weil ich liebe den Standard unserer Bildung in Australien.“ Seine Einschätzung zu Berlin: „Bisher bin ich nicht allzu positiv beeindruckt bei dem, was ich von Kitas gesehen habe.“

Er verlässt sich da auf die Expertise zu Hause: „Meine Frau hat in der Kinderbetreuung gearbeitet. Sie war Kinder-Entertainerin, Party-Entertainerin. Sie ist Vorschullehrerin. Das ist so cool. Sie hat viel Erfahrung. Also, wenn sie das sagt, vertraue ich darauf. Ich bin da in guten Händen.“

Familie zuerst – und Bildschirmzeit runter

Mit Baby ändert sich auch sein eigener Alltag radikal: „Ich komm jetzt noch mit Zocken durch und nutze Freizeit als Freizeit, aber wenn dieses Kind da ist, muss ich mich zusammenreißen und sagen: Okay, wenn ich zwei Stunden habe, dann gehen die in League und Arbeit, und ich sorge dafür, dass ich wirklich was aus der Zeit raushole. Ich muss effizienter werden, weil jede andere wache Stunde für sie sein wird. So soll es sein – so wollen wir das beide.“

Und: „Ich will nicht, dass sie als Kind auf einen Bildschirm starrt; das ist so schlecht für sie. Ich will, dass sie draußen spielt, mit uns spielt, interagiert und lernt.“ Seine eigene Konsequenz: „Ich denke, die Zeit, die ich vor Bildschirmen verbringe, wird um 80, vielleicht 90 % runtergehen. Das ist eine Meinung die heutzutage wohl nicht viele teilen, extrem viele Kinder werden zu iPad-Kids erzogen. Das will ich wirklich nicht.“

Er erklärt, warum: „Ich hab mit fünf Jahren angefangen zu gamen. Meine Eltern haben meiner Schwester ein Nintendo gekauft. Sie mochte es nicht. Ich hab’s geliebt. Ich saß da. Aber wenigstens hatte ich einen Controller. Vielleicht kann man argumentieren, dass sich das Gehirn da schon zum Großteil entwickelt hatte, und ich weiß nicht, ob es mir gutgetan hat, aber die Koordination ist zumindest da, mit Controllern. iPads sind einfach ein flacher Bildschirm, auf den sie drücken und tippen, und es bringt in der Entwicklung nicht viel für die Motorik.“ Sein Ziel: „Ich will, dass sie mit dem bestmöglichen Vorteil im Leben aufwächst. Du willst das Beste für deine Kinder – und du willst nicht, dass sie durch etwas zurückgehalten werden, das du tust und das leicht zu vermeiden wäre.“

Handwerk, Anspruch, Vorbereitung

Hat das Erwachsenwerden seinen Cast verändert? „Im Moment versuche ich, mein Handwerk zu perfektionieren. Niemand ist perfekt. Aber ich hab das Gefühl, ich bin einen Schritt hinter meinen Kolleg:innen. Und das ist gut für mich. Das motiviert.“ Er nennt Namen: „Ich hab Medic und Drakos – da gibt es andere Play-by-Plays, die außergewöhnlich sind. Das sind World-Final-Kaliber-Caster, MSI-Final-Kaliber-Caster. Ich glaube nicht, dass ich da gerade bin.“

Worin er stark ist, weiß er trotzdem genau: „Ich kann in Downtime, in weirden Momenten, im Chaos spielen – und ich glaube, darin bin ich vielleicht besser als viele Caster weltweit. Damit fühl ich mich wohl. Manche mögen das nicht, und das ist okay. Nicht jeder wird mich mögen, und das muss ich akzeptieren.“ Sein Ziel: „Ich will besser darin werden, die Top-Momente zu treffen. Ich kann sie immer noch treffen, aber… treffe ich sie so brillant wie Medic und Drakos? Wahrscheinlich gerade nicht. Aber das ist definitiv mein Ziel.“

Dafür stellt er sich um: „Ich muss in meiner Spur komfortabel sein, aber wenn ich etwas hinzufügen will, muss ich es besser planen und darf nicht einfach nur drauflos machen. Früher war ich sehr ‚feelings-based‘ – das hat mich hierher gebracht. Jetzt muss ich strukturierter rangehen, an Entwicklung und Verbesserung. Ohne das Gefühl zu verlieren. Ohne die Energie zu verlieren. Aber um etwas Neues hinzuzufügen, kann ich mich nicht nur auf alten Glauben oder einfach ‚crazy sein‘ verlassen.“

Stimmenpflege gehört dazu – zumindest theoretisch: „Gerade gestern – und vor allem bei einem großen Cast, egal ob Stadion oder ein neues Setup und ich weiß, dass der Sidetone nicht perfekt sein wird und das Feedback inkonsistent sein kann – ist wirklich schwer, gerade mit Live-Crowds – ich mach normalerweise Zungenbrecher zum Aufwärmen. Ich glaub, viele machen das. Hab ich damals in Australien an einer Film School bekommen, vor Ewigkeiten – mit Sachen wie ‚six Scottish soldiers shot in the shoulders‘ – solche Wiederholungssachen. Das ist ein ein- bis zweiseitiges Blatt.“

Außerdem singt er sich warm: „Ich hab Warm-Up-Songs, die zu meiner Tonlage passen – Misty Mountains aus The Hobbit – sehr tiefes Register, mit dem ich spielen kann. Ich bin kein Sänger, aber Musik ist in der Familie – mein Dad ist seit 60 Jahren Sänger und Songwriter – und so lange Gitarrist. Musikalisch bin ich schon ein bisschen, aber nichts in dem Maß wie er oder andere in der Familie.“

Fürs Casting funktioniert das: „Singen ist ein großartiges Warm-up. Ich denke nicht, dass ich komplett unmusikalisch bin, also kann ich das matchen und mit Varianz spielen. Und diese Range hilft mir, weil es in einem Cast so viel Range gibt – die low plays, die high plays, das Chaos, die Snap-Plays – Singen ist dafür eine richtig gute Vorbereitung. Diese Varianz lässt sich eins zu eins auf Commentary übertragen. Vettius ist da ein gutes Beispiel – er singt ein bisschen und ist sehr gut darin, diese Varianz in seiner Range zu finden – vieles davon kommt aus seiner Musik und seinem Verständnis dafür.“

Und doch macht er’s nicht immer: „Warm-up ist wirklich, wirklich wichtig – ich mach es nicht oft genug.“ Warum? „Weil…“ – „du einfach drauflos machst?“ – „Ja. Meine guten Casts kommen wirklich von meiner Tageslaune. Das hat Priorität für mich. Ich will gute Laune haben, ein gutes Mindset.“ Manchmal ist er „zu entspannt“: „Nicht, dass das on cast passiert, aber manchmal denk ich mir: Vielleicht hätte ich hier ein bisschen mehr Vorbereitung machen sollen. Vielleicht hätte ich ein Vocal-Warm-up machen sollen, statt mit Leuten zu quatschen und zu sitzen und zu relaxen und zu versuchen, in den richtigen Kopfzustand zu kommen – denn das wäre wertvoller gewesen.“ Sein Fazit: „Ich hab das Gefühl, viele meiner besten Casts kamen aus guten Emotionen und einem guten Gefühl – eher als aus einem Vocal-Warm-up. Aber die sind trotzdem wichtig.“

Transparenzhinweis: Die im Artikel verwendeten Zitate stammen aus einem englischsprachigen Gespräch und wurden sinngemäß ins Deutsche übertragen.

Linda Güster

Journalistin
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Linda Güster ist leidenschaftliche Gamerin und als Teil des Freelance-Teams bei ESI immer am Puls der eSports-Szene. Ob knallharte Dota 2-Matches, nervenaufreibende Survival-Abenteuer in Subnautica oder entspannte Stunden mit Cozy Games wie Stardew Valley — sie liebt die ganze Bandbreite des Gaming-Universums. Abseits davon bringt sie als Software-Entwicklerin und Freelancerin ihr Können in die Welten von Technologie, Mode, Finanzen und iGaming ein, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen und spannenden Projekten.
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