Trevor „Quickshot“ Henry: HopEUm, Fokus und zweite Kapitel

Linda Güster
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Inhaltsverzeichnis
  1. Vom südafrikanischen Circuit auf die große Bühne
  2. Leidenschaft und Ermüdung
  3. HopEUm als europäischer Knotenpunkt
  4. Verantwortung und ein harter Lernmoment
  5. Ein weiter Horizont für Europa
Trevor "Quickshot" Henry
Image credit: Trevor Henry

Zwölf Jahre in derselben Liga sind im Esport nicht einfach ein Punkt im Lebenslauf, sie sind eine Ära. Als Trevor „Quickshot“ Henry 2013 zu Riot Games kam, war die europäische League-of-Legends-Szene noch dabei, sich selbst zu definieren. Studios wurden aufgebaut, Broadcast-Identitäten getestet, Talente ausprobiert. „2013 bin ich dazugekommen. 2024 bin ich gegangen. Also elf, zwölf Jahre“, sagt er ruhig. In dieser Zeit wurde er zu einem der Gesichter der LEC, zu einer Stimme, die Finals getragen, Narrative mitgeprägt und eine ganze Generation von Fans begleitet hat.

Ich nenne es eine Victory Lap, und Quickshot stimmt mir zu – aber nicht im Sinne von Selbstbeweihräucherung, sondern im Sinne von Dankbarkeit. „Es ist die Liga und das Videospiel, die meine Karriere gemacht haben. Ich durfte meinen Job jeden einzelnen Tag lieben. Ich durfte reisen. Und ich durfte meine Liebe zu kompetitiven Videospielen buchstäblich mit Zehntausenden Menschen in Arenen teilen. Es ist unmöglich, in Worte zu fassen, wie viel Glück ich hatte.“

Zwischen diesen Sätzen liegt ein ganzes Berufsleben. Die Finals. Die Roadshows. Die Produktionsmeetings, die bis tief in die Nacht gingen. Und auch das Private, das untrennbar damit verbunden ist. „Ich habe meine Frau über die Firma kennengelernt“, sagt er. Becca Henry war EU Esports Comms bei Riot Games. Heute ist sie Head of Brand & Communications bei G2 Esports. „Es hat mir im Grunde alles gegeben, was ich mir je hätte wünschen können.“

Vom südafrikanischen Circuit auf die große Bühne

Bevor Quickshot zur LEC wurde, war er ein FPS-Spieler aus Johannesburg. Call of Duty 4, LANs, Teams, selbst organisierte Events. Er shoutcastete Online-Turniere, baute sich eine Community auf und lebte in einer Szene, die noch roh und ungeschliffen war. Ursprünglich aus Südafrika, mit britischen Eltern und doppelter Staatsbürgerschaft, erlebte er dort auch die andere Seite. Ein Vorfall, bei dem angegriffen und ausgeraubt wurde, war einer der Momente, die ihn dazu brachten, das Land zu verlassen.

Seine erste große professionelle Station war dann Riot Games in Dublin. Community Coordinator. Später Broadcaster. Am 11. Oktober 2013 änderte er seinen Nickname offiziell von „qu1ksh0t“ zu „Quickshot“. Aus dem Online-Alias wurde eine Marke.

Er erzählt diese Stationen nicht wie Heldengeschichten, sondern wie Bausteine. Als ich ihn frage, ob er manchmal bereut, sich so vollständig auf League of Legends konzentriert zu haben, kommt die Antwort ohne jede Verzögerung: „Absolut, ja. Kapitalisiert, fett geschrieben, unterstrichen.“

Und trotzdem folgt kein Rückzieher. „Ich war so auf meinen Job fokussiert, ich habe unglaublich viel erreicht. Ich durfte Finals casten, ich durfte ein Team aufbauen. Und ich bin vom individuellen Contributor zum Teamleiter geworden.“

Er spricht von Scheuklappen, von einer Ein-Pferd-Rennen-Mentalität. Dabei kommt er ursprünglich aus Shootern. Quake. Counter-Strike seit 1.6. Er sponserte sogar SK Gaming 1.6 in Südafrika, ließ sie gegen das beste lokale Team antreten. Einige dieser Spieler sind heute noch im internationalen Circuit aktiv. „Ich hätte mich vielleicht strategisch breiter aufstellen können“, sagt er. „Aber ich bereue es nicht. Der Fokus hat mich erfolgreich gemacht.“

Leidenschaft und Ermüdung

Was er dabei offen anspricht, ist etwas, das viele in der Branche kennen, aber selten so klar formulieren: „Wenn du etwas jeden Tag für die Arbeit machst und jeden Tag schaust, genießt du es nicht mehr so sehr, es selbst zu spielen.“

League war für ihn irgendwann mehr Produkt als Spiel. Mehr Vorbereitung, Notes, Champion-Ability-Reviews vor Drafts, weniger Solo-Queue aus Spaß. Seit er nicht mehr regelmäßig kommentiert, hat sich das verändert. „Jetzt genieße ich das Spiel wieder.“

HopEUm als europäischer Knotenpunkt

Und dann kommt HopEUm. Jeden Dienstag um 19:00 CET live auf G2s Twitch- und League-of-Legends-YouTube-Kanälen. Fünf Episoden sind schon online. Für Quickshot ist es mehr als ein Podcast, auch wenn er selbst schmunzelnd sagt, es sei „Podcast im Gen Z, Gen Alpha Sinne – mit Video, Replays, Grafiken“.

„HopEUm ist eine League-of-Legends-Show, die zufällig von G2 unterstützt wird.“

Dieser Satz ist ihm wichtig. Es geht nicht darum, ein Promo-Format zu bauen. „Die Show wird nicht funktionieren, wenn sie eine G2-Show wird. Sie wird nicht funktionieren, wenn sie eine Sponsor-Promo-Show wird.“

Was sie stattdessen ist, ist ein europäisches Experiment. G2 hat Co-Streamer in mehreren Sprachräumen – französisch, spanisch, deutsch, italienisch. Diese Communitys existieren oft nebeneinander, aber selten miteinander. HopEUm bringt sie in einen gemeinsamen Raum. Fragen aus dem französischen Chat landen im deutschen Kontext. Catchphrases aus dem englischen Broadcast werden in andere Sprachen getragen.

Quickshot beschreibt seine Rolle mit einem Business-Begriff: „Delivery Lead.“ Er baut Run-Downs, arbeitet mit Produzenten, koordiniert Co-Streamer, integriert neue technische Tools. Telestrator in einem YouTube-Podcast. Mehrsprachige Live-Interaktion. „Wir fügen jede Woche neue technologische Möglichkeiten hinzu“, sagt er.

G2 Esports / HopEUm

Was dabei spürbar wird: Er liebt diesen Prozess. Nicht nur das On-Air-Sein, sondern das Dahinter. Das Strukturieren. Das Verbinden. Das Übersetzen von Kultur.

Verantwortung und ein harter Lernmoment

Natürlich steht über seiner jüngeren Vergangenheit auch der Moment, der vieles verändert hat. „Ich bereue es, einen unglaublich dummen Witz gemacht zu haben. Die Situation ist beschämend, aber ich bin mir auch über die Verantwortung als Broadcaster bewusst“, sagt er klar. Er bezeichnet die Situation als Witz mit schlechtem Geschmack, gedacht für einen privaten Kontext. „Das Ganze ist eine massive, massive Lektion für mich gewesen. Das Ganze tut mir definitiv Leid.“

Als ich fragte, ob dieser Moment seine Werte widerspiegele, reagiert er sofort: „Definitiv, zu 100%, nicht.“ Er spricht von Professionalität, von Verantwortung. Von der Erkenntnis, dass auch vermeintlich private Momente Konsequenzen haben, und dass das fair ist.

Er hat in der Vergangenheit offen über Therapie gesprochen, über Burnout, über persönliches Wachstum. „Ich bin unglaublich stolz auf meine Therapie.“ Er beschreibt, wie er erst später im Leben wirklich verstanden hat, wie sehr ihn seine Jugend in Südafrika geprägt hat. Diese Offenheit wirkt nicht inszeniert. Sie wirkt wie jemand, der weiß, dass Wachstum nicht nur ein Hashtag ist.

Ein weiter Horizont für Europa

Wenn es um die Zukunft der europäischen League-of-Legends-Szene geht, denkt Quickshot in größeren Linien. Creator-Teams wie KC oder KOI, regionale Ligen, EMEA Masters – für ihn sind das keine Randerscheinungen, sondern Motoren. „League hat sich jedes einzelne Jahr verändert. Erwartet mehr Veränderungen.“

Gleichzeitig hofft er auf eine stärkere, reifere Esport-Medienlandschaft. „Wenn die Zuschauer älter werden, ändern sich auch Geschmäcker.“ Er selbst bevorzugt klassische Broadcasts, strukturierte Shows, Artikel, Analysen. „Ich lese Artikel, von Esports Insider und anderen Webseiten. Ich mag segmentierte Shows.“

HopEUm steht genau zwischen diesen Welten. Creator-Energie und klassische Struktur. Mehrsprachigkeit und klare Run-Downs. Community und Professionalität.

„Es geht um Europa und es geht um League of Legends“, sagt er am Ende. „Das sind große Themen. Ich habe eine große Sandbox zum Spielen.“

Und vielleicht ist das der eigentliche Kern dieses Gesprächs: Quickshot definiert sich nicht mehr nur über eine Bühne. Er baut Räume. Räume, in denen unterschiedliche Communities miteinander sprechen können. Räume, in denen Fehler nicht das letzte Wort haben, sondern Entwicklung. Und Räume, in denen Leidenschaft wieder wie Leidenschaft klingt – und nicht wie Pflicht.

Persönliches Nachwort:
Für mich war das Gespräch mit Trevor unfassbar wichtig. Nicht, weil es darum geht, irgendetwas aufzurechnen oder neu zu bewerten. Sondern weil ich in einer Branche arbeite, in der Worte wirklich zählen, und manchmal auch falsch fallen.

Wir leben in einer Zeit, in der Debatten rund um historische Sensibilität wieder lauter werden. Zu Recht. Ein geschmackloser Witz bleibt geschmacklos, auch wenn er eigentlich nicht die persönlichen Werte widerspiegelt. Gerade deshalb ist es wichtig, Gespräche direkt zu führen und nicht unter den Tisch fallen zu lassen.

Gleichzeitig kann ich sehr selbstbewusst sagen: Ich habe in diesem Gespräch jemanden erlebt, der Verantwortung nicht wegschiebt. Der klar sagt, dass es ein Fehler war. Der nicht relativiert, sondern versteht, dass fehlende Professionalität auch in einem privaten Rahmen Konsequenzen bedeutet. Und der daraus lernt.

Konsequenzen sind wichtig, aber noch wichtiger ist die Frage, was danach kommt. 

Wenn Einsicht ehrlich gemeint ist, müssen wir als Branche Raum lassen für Entwicklung und für zweite Kapitel. Niemand wird durch einen Fehler automatisch zu einer Karikatur seiner selbst. Und niemand sollte für immer auf einen schlechten Moment reduziert werden.

Linda Güster

Journalistin
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Linda Güster ist leidenschaftliche Gamerin und als Teil des Freelance-Teams bei ESI immer am Puls der eSports-Szene. Ob knallharte Dota 2-Matches, nervenaufreibende Survival-Abenteuer in Subnautica oder entspannte Stunden mit Cozy Games wie Stardew Valley — sie liebt die ganze Bandbreite des Gaming-Universums. Abseits davon bringt sie als Software-Entwicklerin und Freelancerin ihr Können in die Welten von Technologie, Mode, Finanzen und iGaming ein, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen und spannenden Projekten.
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