Richard Parker im Interview: Esports als Zukunft der West Midlands

Linda Güster
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Inhaltsverzeichnis
  1. Esports als Motor für junge Talente
  2. Skills, Bildung und die Realität hinter den Kulissen
  3. Fünf Jahre in die Zukunft gedacht
  4. Der Kampf gegen den Brain Drain
  5. Kultur als harte Wirtschaftskraft
  6. Esports im Zentrum der Creative Economy
  7. Internationale Anerkennung und lokale Verwurzelung
  8. Von der Industrie zum Creative Hub
  9. Erfolg als Fundament für die Region
Richard Parker beim Sim-Racing in der F1 Arcade Birmingham
Image credit: Richard Parker / Linda Güster

Birmingham empfing mich mit noch leicht nassem Asphalt und grauen Wolken, wie so oft. Die Motorway war gnädig, doch je näher man der Stadt kam, desto dichter wurde der Verkehr. Wer jemals in diese Stadt hineingefahren ist, kennt das Gefühl: ein endloses Spiel aus Spurwechseln, Kreiseln und plötzlich auftauchenden Hochhäusern. Birmingham ist laut, dicht, roh – aber eben auch voller Energie.

Der ikonische Bulle, das Wahrzeichen der Stadt, steht unweit der großen Shopping-Arkaden und wirkt wie eine Einladung, Birmingham als etwas Größeres zu begreifen als nur eine alte Industriestadt. Schon in den Straßen merkt man, dass diese Stadt nicht stillsteht: kleine Cafés, junge Leute mit Laptops, Kunstinstallationen zwischen den Backsteinfassaden. Genau in dieser Atmosphäre durfte ich Richard Parker, Bürgermeister der West Midlands, treffen – im Rahmen des Media-Events, mit dem die ESL FACEIT Group die Rückkehr von DreamHack und ESL One nach Großbritannien ankündigte.

Die Location dafür war ungewöhnlich: keine sterile Konferenzhalle, sondern die F1 Arcade, versteckt in einer kleineren Straße. Dort war der Raum fast schon intim, gedeckt mit Frühstücksplatten, dampfendem Kaffee und einem Hauch von Aufregung. Am Tag zuvor hatte es in London einen großen Roundtable gegeben, doch hier in Birmingham war es reduzierter: nur fünf Journalist:innen, dazu der Bürgermeister und einige Vertreter:innen der ESL FACEIT Group. Schon beim Reinkommen spürte man, dass es mehr als ein PR-Auftritt werden sollte – es war die Gelegenheit, mit einem Mann zu sprechen, der nicht nur Politik betreibt, sondern seine Region in eine neue Ära führen will.

Esports als Motor für junge Talente

Meine erste Frage zielte direkt auf den Kern: Wie passt Esports in das Bild einer Region, die sich längst als kreatives und technologisches Zentrum positionieren möchte? Parker lehnte sich nach vorne, überlegte kurz und antwortete mit Überzeugung: „Wir haben bereits eine starke Basis in Gaming, Tech und Digital. Aber Esports bringt uns die Chance, junge Menschen direkt zu erreichen. Für mich ist es weit mehr als ein Event. Es ist ein Katalysator – für unsere Wirtschaft, für unsere Attraktivität, für unsere jungen Menschen.“

Er sprach davon, wie Esports als Plattform dient, um Skills zu vermitteln, die in ganz unterschiedlichen Berufen relevant sind. „Besonders unsere jungen Leute profitieren. Wir haben hier eine diverse, junge Bevölkerung, die Zugang zu Chancen braucht. Über Gaming und Esports können sie digitale Fähigkeiten erwerben, die ihnen Karrieren eröffnen, die sie vielleicht sonst nie gehabt hätten.“

Seine Worte wirkten weniger wie ein politisches Statement und mehr wie eine persönliche Überzeugung. Man spürte: Für Parker ist Esports nicht ein weiteres Buzzword, sondern eine ernsthafte Antwort auf die Frage, wie man eine junge Region fit für die Zukunft macht.

Skills, Bildung und die Realität hinter den Kulissen

Wir kamen auf Universitäten und Studiengänge zu sprechen, die inzwischen auch in den West Midlands Kurse für Esports anbieten. Viele belächeln das. Doch Parker widersprach entschieden: „Es ist wie in der Film- oder Theaterbranche. Man denkt oft nur an die Schauspieler oder Produzenten. Aber hinter jeder Produktion stehen Hunderte Berufe – von Licht über Ton bis hin zu Design. Das Gleiche gilt für Esports.“

Seine Argumentation ist klar: Es geht nicht darum, dass alle jungen Leute Profispieler werden. Es geht darum, dass sie lernen, komplexe Produktionen auf die Beine zu stellen, dass sie Teamarbeit, Eventorganisation und technische Exzellenz verinnerlichen. „Es braucht Menschen, die Broadcasts fahren, die Regie führen, die Technik aufbauen. Das sind alles Skills, die nicht nur in Esports gebraucht werden, sondern in jedem kreativen Beruf.“

Dass er es ernst meint, beweisen die Maßnahmen der Region. Beim Rocket League World Championship Series (RLCS) Event in Solihull bekamen 150 Studierende und Arbeitssuchende die Chance, direkt hinter den Kulissen zu arbeiten. „Es geht darum, aus Zuschauern Macher zu machen“, betonte Parker.

Fünf Jahre in die Zukunft gedacht

Die Diskussion führte uns zu einer größeren Perspektive: Was bedeutet Erfolg in den kommenden fünf Jahren? Parker zögerte nicht: „Ich will, dass die West Midlands als globales Zentrum für Kreativwirtschaft gelten. Ein Ort, an den man nicht nur kommt, um Events zu veranstalten, sondern um Talente zu finden, Expertise zu nutzen, Geschäfte aufzubauen.“

Er verwies auf die jüngsten Investitionen in Film und TV – Produktionen wie This Town oder Phoenix Rise werden inzwischen in der Region gedreht. Mit der BBC, die Teile ihrer Produktion nach Digbeth verlagert, und mit neuen Studios wächst die Infrastruktur rapide. „Wir müssen dafür sorgen, dass Esports in dieselbe Kategorie fällt: ein Aushängeschild, das zeigt, wozu wir fähig sind.“

Für ihn ist Esports damit kein isoliertes Projekt, sondern Teil eines „Creative Growth Plans“, der die Region als Ganzes transformieren soll.

Der Kampf gegen den Brain Drain

Ein bekanntes Problem in den West Midlands ist die Abwanderung junger Talente nach London. Parker kennt die Zahlen, kennt die Geschichten. „Viele sehen ihre Zukunft in der Hauptstadt. Das will ich ändern.“

Seine Strategie ist zweigleisig: Erstens will er die Region attraktiver machen – mit erschwinglichem Wohnraum, einer offenen Community und Jobs, die langfristige Perspektiven bieten. Zweitens setzt er auf die Nähe. Mit HS2 soll Birmingham künftig in 48 Minuten von London erreichbar sein. „Das ist eine Chance, Talente aus London hierherzuziehen – und gleichzeitig unsere eigenen zu halten.“

Er erzählte von Gesprächen mit jungen BBC-Kreativen, die bereits in die Region gezogen sind. „Sie fühlen sich hier willkommen, sie schätzen die Erschwinglichkeit, die Zugänglichkeit. Sie wollen bleiben.“

Kultur als harte Wirtschaftskraft

Während viele Kulturpolitik in die Kategorie „weiche Standortfaktoren“ einordnen, spricht Parker anders. Für ihn ist Kultur eine Wirtschaftsmaschine. „Die internationale Strahlkraft von Peaky Blinders hat bewiesen, was möglich ist, wenn man das kreative Potenzial dieser Region ernst nimmt.“

Er verwies auf die jüngsten Partnerschaften mit nationalen Kulturorganisationen und Gewerkschaften, die faire Löhne, sichere Jobs und nachhaltige Strukturen garantieren sollen. „Wir brauchen nicht nur Glanzmomente, wir brauchen langfristige Karrieren“, betonte er.

Die West Midlands haben von der Regierung 25 Millionen Pfund aus dem Creative Places Growth Fund zugesprochen bekommen. „Das ist Rückenwind. Wir haben Talent, wir haben Orte, und wir haben Unterstützung. Jetzt müssen wir liefern.“

Esports im Zentrum der Creative Economy

Besonders spannend ist, wie Parker Esports in dieses große Bild integriert. „Esports ist einer der am schnellsten wachsenden Teile unserer Kreativwirtschaft“, sagte er. Schon heute entfallen ein Viertel aller britischen Esports-Aktivitäten auf die West Midlands.

Für ihn sind die DreamHack und ESL One im März 2026 daher mehr als nur Events. „Es sind Leuchttürme, die zeigen, dass wir es ernst meinen. Dass wir nicht nur Zuschauer anlocken, sondern unsere eigenen Talente fördern und ihnen eine Bühne geben.“

Internationale Anerkennung und lokale Verwurzelung

Ein Beispiel brachte er aus China. Auf einer Handelsreise habe er erlebt, wie sehr die britischen Kreativindustrien dort bewundert würden. „Das ist unser Asset: Originalität. Dinge, die andere nicht machen oder noch nicht können.“

Gleichzeitig betont er, wie wichtig lokale Verwurzelung bleibt. „Jede Community hat ihren eigenen Charakter. Wir müssen verstehen, was hier in Birmingham funktioniert, und dürfen nicht einfach globale Trends kopieren.“

Diese Balance zwischen internationaler Anerkennung und lokaler Authentizität sei entscheidend, wenn die West Midlands ihre eigene Identität aufbauen wollen.

Von der Industrie zum Creative Hub

Immer wieder kehrt Parker zurück zur Geschichte der Region. „Wir waren das Herz der britischen Produktion“, sagt er mit einem fast stolzen Unterton. „Jetzt können wir das Herz der kreativen Industrie werden.“

Für ihn ist Esports Teil einer neuen industriellen Revolution – diesmal aus Content, Code und Community. „Wenn unsere Jugendlichen hier ihre Jobs finden, wenn unsere Wirtschaft wächst und wenn wir international respektiert werden, dann haben wir gewonnen.“

Erfolg als Fundament für die Region

Als unser Gespräch sich dem Ende zuneigt, wird deutlich, dass Richard Parker Erfolg nicht in kurzfristigen Zahlen misst. Es geht ihm weniger um Zuschauerrekorde oder um die pure Strahlkraft einzelner Events, sondern darum, Strukturen zu schaffen. „Wenn junge Menschen in den West Midlands eine Ausbildung beginnen, sich weiterbilden, Arbeit finden – und wenn Unternehmen entscheiden, ihre Studios, ihre Büros oder ihre Produktionen hier aufzubauen, dann ist das Erfolg.“

Er will eine Region, die sowohl für globale Player attraktiv bleibt als auch für kleine Studios und junge Kreative ein verlässliches Fundament bietet. „Esports, Film, TV, Musik – sie alle sind mehr als Unterhaltung. Sie sind die Werkzeuge, mit denen wir unseren jungen Menschen Chancen eröffnen und unsere Wirtschaft erneuern.“

Parker wirkt dabei nüchtern, fast pragmatisch – und doch blitzt immer wieder Leidenschaft durch. Für ihn ist die Vision klar: Die West Midlands sollen sich in den kommenden Jahren von einer Region mit industrieller Vergangenheit zu einem Zentrum entwickeln, das Kreativität und digitale Innovation als Motor für Wohlstand versteht.

Transparenzhinweis: Die im Artikel verwendeten Zitate stammen aus einem englischsprachigen Gespräch und wurden sinngemäß ins Deutsche übertragen.

Linda Güster

Journalistin
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Linda Güster ist leidenschaftliche Gamerin und als Teil des Freelance-Teams bei ESI immer am Puls der eSports-Szene. Ob knallharte Dota 2-Matches, nervenaufreibende Survival-Abenteuer in Subnautica oder entspannte Stunden mit Cozy Games wie Stardew Valley — sie liebt die ganze Bandbreite des Gaming-Universums. Abseits davon bringt sie als Software-Entwicklerin und Freelancerin ihr Können in die Welten von Technologie, Mode, Finanzen und iGaming ein, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen und spannenden Projekten.
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