Es fühlt sich merkwürdig an, das überhaupt zu schreiben. Call of Duty war über zwei Jahrzehnte hinweg ein Selbstläufer. Egal ob Kritiken gut oder schlecht waren, egal ob man persönlich gerade eingestiegen oder ausgestiegen ist – Call of Duty war immer da. Verlässlich. Riesig. Unausweichlich.
Jetzt, zu Beginn des neuen Jahres, wirkt diese Gewissheit zum ersten Mal brüchig.
Der jüngste Ableger, Call of Duty: Black Ops 7, hat etwas geschafft, das lange als unmöglich galt. Er hat nicht nur enttäuscht, sondern sichtbar Vertrauen gekostet. Kampagne, Technik, Spielerzahlen – nichts davon fühlt sich nach dem an, was man früher als „Call of Duty-Standard“ bezeichnet hätte. Während früher selbst schwächere Teile noch von der Marke getragen wurden, scheint dieser Schutzmechanismus nicht mehr zu greifen.
Und plötzlich steht da eine Frage im Raum, die lange verdrängt wurde. Was ist Call of Duty eigentlich noch?
Eine Serie, die sich selbst überholt hat
Call of Duty ist über Jahre nicht gewachsen, sondern gewuchert. Untertitel, Subreihen, zeitliche Sprünge, Studios im Wechsel. Modern Warfare, Black Ops, Cold War, Vanguard – wer nicht konstant dabei war, brauchte irgendwann mehr Kontext als Lust.
Das Problem ist nicht, dass es viele Spiele gibt. Das Problem ist, dass sie kaum noch etwas voneinander trennt. Neue Teile fühlen sich oft weniger wie neue Kapitel an, sondern wie Updates mit Marketingbudget. Für eine Serie, die einmal für klare Identität stand, ist das gefährlich.
Ein echter Neustart würde nicht bedeuten, alles zu vergessen. Er würde bedeuten, sich wieder festzulegen. Tonalität. Spielgefühl. Erwartungshaltung. CoD war nie experimentell, aber es war fokussiert. Genau dieser Fokus ist verloren gegangen.
Nostalgie als Chance, nicht als Flucht
Wenn über einen möglichen Reset gesprochen wird, landet die Diskussion schnell bei Remakes. Und selten war Nostalgie so berechtigt wie hier. Call of Duty: Modern Warfare 2 Remastered steht sinnbildlich für eine Phase, in der CoD wusste, was es sein wollte.
Keine überfrachteten Systeme, keine saisonale Überforderung, kein permanentes FOMO-Design. Einfach Multiplayer, der sich gut anfühlt. Karten, die man kennt. Waffen, die man versteht. Eine Rückkehr zu diesem Kern – sauber umgesetzt, plattformübergreifend, ohne Zusatzballast – wäre kein Rückschritt, sondern eine Vertrauensübung.
Gerade neue Plattformen könnten davon profitieren. Nicht, um alte Spieler zurückzuholen, sondern um zu zeigen, dass CoD auch heute noch funktionieren kann, wenn man es lässt.
Das jährliche Release-Ritual ist müde geworden
Ein neues Call of Duty pro Jahr war lange ein Statement. Heute wirkt es eher wie ein Zwang. Die Spieler merken, wenn Dinge nicht fertig sind. Wenn Kampagnen unfertig wirken. Wenn Systeme nebeneinander existieren, statt ineinanderzugreifen.
Andere große Shooter setzen längst auf längere Zyklen, klare Roadmaps und Zeit zum Nachjustieren. CoD hingegen rennt von Release zu Release, ohne je wirklich Luft zu holen. Das Ergebnis fühlt sich zunehmend austauschbar an.
Weniger Spiele würden nicht weniger Aufmerksamkeit bedeuten. Im Gegenteil. Sie würden wieder Raum schaffen. Für Erwartung. Für Diskussion. Für Vorfreude. Dinge, die einer Serie mit dieser Geschichte eigentlich gut stehen würden.
Zombies war nie nur ein Bonusmodus
Wenn man über verpasste Chancen spricht, kommt man an Zombies nicht vorbei. Seit Call of Duty: World at War hat sich dieser Modus eine eigene Community aufgebaut. Eigene Narrative, eigene Spielweise, eigene Langzeitmotivation.
Und trotzdem wurde Zombies immer wie ein Anhängsel behandelt. Mal groß, mal halbherzig, selten konsequent. Ein eigenständiger Zombies-Titel wäre kein Experiment, sondern eine logische Konsequenz. Koop-fokussiert, systemisch tief, zugänglich und trotzdem fordernd.
Gerade in einer Phase, in der die Hauptreihe nach Orientierung sucht, könnte Zombies genau das sein, was Call of Duty wieder atmen lässt.
Warzone hält alles zusammen – aber nicht für immer
Aktuell ist es Call of Duty: Warzone, das die Marke trägt. Spielerzahlen, Streams, Sichtbarkeit – vieles hängt an diesem einen Modus. Doch auch hier zeigen sich Ermüdungserscheinungen.
Warzone hat sich über Jahre verändert, erweitert, angepasst. Trotzdem fühlt es sich zunehmend statisch an. Die Lösung liegt nicht zwingend in neuen Mechaniken, sondern in neuem Kontext. CoD hat eine einzigartige Zeitachsen-Vergangenheit. Sie nicht stärker zu nutzen, wirkt fast fahrlässig.
Unterschiedliche Epochen, wechselnde Identitäten, temporäre Brüche – all das könnte Warzone neu aufladen, ohne seine DNA zu verlieren.
Call of Duty steht sich selbst im Weg
Das vielleicht größte Problem der Serie ist nicht Konkurrenz, Technik oder Trends. Es ist die eigene Größe. CoD ist so groß geworden, dass jede Veränderung riskant wirkt. Also verändert man lieber wenig. Und genau das führt dazu, dass Stillstand entsteht.
Ein Neuanfang muss kein radikaler Bruch sein. Aber er muss spürbar sein. Ehrlich. Klar kommuniziert. CoD war nie die innovativste Serie. Aber sie war verlässlich. Und genau dieses Gefühl fehlt gerade.
Wenn Activision will, dass Call of Duty auch in den kommenden Jahren relevant bleibt, reicht es nicht, am System zu schrauben. Dann braucht es eine neue Basis. Eine, auf der wieder aufgebaut werden kann – statt immer nur weiter oben anzusetzen.