Es fühlt sich langsam nicht mehr wie eine Ausnahme an, sondern wie das Leitmotiv dieser Qualifier-Woche. Bei der BLAST Bounty Season 1 fallen die großen Namen reihenweise, und mit Inner Circle hat sich nun das nächste Team in diese Reihe eingetragen. Der frisch formierte ukrainische Roster setzte sich in der Round of 32 mit 2:1 gegen 3DMAX durch und steht damit völlig überraschend im Achtelfinale.
Vier Tage vor Turnierstart offiziell vorgestellt, ohne große Referenzen auf diesem Level, gegen ein französisches Team, das sich in den vergangenen Monaten regelmäßig auf Tier-1-Bühnen gezeigt hat – die Rollen vor diesem Match waren klar verteilt. Zumindest auf dem Papier.
Ein Start, der sofort Fragen aufwarf
Schon auf Ancient, dem ersten Map-Pick der Serie, war schnell zu spüren, dass Inner Circle nicht gekommen war, um Erfahrungen zu sammeln. Acht T-Runden in der ersten Hälfte gegen ein strukturiertes, erfahrenes 3DMAX sind kein Zufallsprodukt, sondern ein Statement. Die Ukrainer spielten mutig, nahmen frühe Duelle an und zwangen die Defensive immer wieder zu schnellen Rotationen.
3DMAX meldete sich nach dem Seitenwechsel zwar zurück und verkürzte den Rückstand mit vier Angriffsrunden in Folge, doch genau in dieser Phase zeigte sich, warum dieses Match mehr war als ein klassischer Favoritensieg, der kurz wackelt. Inner Circle blieb ruhig, setzte mehrere saubere Holds hintereinander und brachte Ancient mit 13:9 über die Linie. Kein Chaos, kein Glück, sondern ein kontrolliertes Finish.
Nuke als Erinnerung an die Hierarchie
Dass 3DMAX dieses Match nicht kampflos herschenken würde, zeigte sich auf Nuke. Angeführt von Bryan “Maka” Canda, der mit 33 Kills das Spiel praktisch an sich riss, fand das französische Line-up endlich seinen Rhythmus. Die Map entwickelte sich zu einem Schlagabtausch, in dem sich keine Seite wirklich absetzen konnte.
Nach 24 Runden stand es unentschieden, Overtime war die logische Konsequenz. Dort war es dann die defensive Stabilität von 3DMAX, die den Ausschlag gab. Drei CT-Runden reichten, um Nuke mit 16:13 zu sichern und die Serie auszugleichen. Spätestens hier rechneten viele damit, dass sich die Erfahrung doch noch durchsetzen würde.
Dust II und der endgültige Bruch mit der Erwartung
Was dann auf Dust II folgte, passte perfekt ins Bild dieser BLAST-Bounty-Woche. Inner Circle dominierte die erste Hälfte defensiv, las das Spiel von 3DMAX erstaunlich gut und ging mit einer 8:4-Führung in die Pause. Noch beeindruckender war jedoch, was danach kam.
Auch auf der T-Seite fanden die Ukrainer immer wieder Lücken, spielten geduldig um Utility herum und ließen der französischen Verteidigung kaum Raum, das Spiel zu stabilisieren. Fünf gewonnene Angriffsrunden später stand ein klares 13:6 auf der Anzeigetafel – und damit einer der bislang auffälligsten Upsets des Turniers.
Eine Qualifier-Phase voller Warnsignale
Inner Circle reiht sich damit ein in eine Serie von Ergebnissen, die diese Closed Qualifier prägen. Bereits zum Auftakt hatte EYEBALLERS FaZe Clan aus dem Turnier geworfen, einen Tag später verabschiedete sich Natus Vincere nach der Niederlage gegen Monte. Dass nun auch 3DMAX früh scheitert, wirkt weniger wie ein Einzelfall und mehr wie ein Muster.
Online-Formate, kurze Vorbereitungszeit und neue oder angepasste Line-ups scheinen aktuell ein perfekter Nährboden für Überraschungen zu sein. Wer nicht sofort präsent ist, wird bestraft.
Wie besorgniserregend ist das Aus für 3DMAX?
Für 3DMAX kommt diese Niederlage zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Nach dem starken zweiten Platz bei den CS Asia Championships konnte das Team den Schwung zum Jahresende nicht mitnehmen und blieb bei mehreren Tier-1-Events früh hängen. Das Aus bei BLAST Bounty fügt sich damit in eine Phase ein, in der Konstanz fehlt.
Viel Zeit zum Durchatmen bleibt allerdings nicht. Mit dem anstehenden Auftritt bei IEM Kraków beginnt der nächste Härtetest, während mit dem IEM Cologne Major bereits das nächste große Ziel am Horizont wartet. Die Niederlage gegen Inner Circle wird man intern schnell abhaken müssen – die grundsätzlichen Fragen nach Stabilität und Durchschlagskraft lassen sich aber nicht ignorieren.
Für Inner Circle hingegen ist dieser Sieg mehr als nur ein Eintrag im Bracket. Es ist ein erstes Ausrufezeichen eines Teams, das bislang kaum jemand auf dem Zettel hatte – und genau das macht diese BLAST Bounty bislang so unberechenbar.