Ausspähen von KI-Material löst keine Probleme im Eport

Nicole Mark
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Inhaltsverzeichnis
  1. Die jüngsten Verbrechen an Pixeln und Spielern
  2. Die schmale Grenze zwischen Engagement und „Virtue Signaling“
  3. Der Esport hat weitaus größere Probleme als dieses
KI in Esport

Die Esport-Community ist offiziell in eine Ära der Hexenjagd eingetreten, wenn es um künstliche Intelligenz geht.

Jedes Mal, wenn ein Spieleentwickler oder eine Esport-Organisation ein Bild veröffentlicht, zückt die Hälfte der Kommentatoren die Lupe. Sie nehmen Finger unter die Lupe, suchen nach verschwommenen Logos und werden laut, sobald auch nur ein einziges Pixel verdächtig generiert aussieht.

KI-Kunst kann seltsam und lieblos sein, das Ausmaß an Empörung, das angesichts winziger, bedeutungsloser Details laut wird, nimmt sich jedoch immer absurder aus.

Die jüngsten Verbrechen an Pixeln und Spielern

Um festzustellen, wie heftig diese Reaktionen inzwischen ausfallen, muss man sich lediglich einige aktuelle Vorfälle ansehen, die das Internet in Aufruhr versetzt haben.

Zunächst veröffentlichte „Mobile Legends Bang Bang“ einen Hintergrund für das Hauptmenü, auf dem die Heldin Layla zu sehen war. Sofort fielen den Fans die seltsame Beleuchtung, die weichen Texturen und die anatomischen Ungereimtheiten auf, die geradezu nach einem maschinengenerierten Bild schrien.

Die Leute sind buchstäblich durchgedreht. MOONTON veröffentlichte daraufhin umgehend einen Mini-Patch, obwohl die Entwickler nie zugegeben haben, möglicherweise generative KI eingesetzt zu haben.

Zuvor war SNK wegen eines aktualisierten Trailers zu „Fatal Fury: City of the Wolves“ heftig in die Kritik geraten, da scharfsichtige Fans im Hintergrund etwas entdeckt hatten, das wie KI-generierte Werbegrafiken aussah. Dies löste in der FGC eine Welle der Empörung aus und führte sogar dazu, dass eine bekannte, langjährige Moderatorin ihr Amt niederlegte.

„Das widerspricht meinen Grundsätzen“, schrieb sie.

i was a SNK moderator for 6 years and official Cotw Discord for a year, this trailer made me step down after all those years, i don't / i can't promote a product that i don't support,thanks for all of those years friends, it was fun 🫡 bsky.app/profile/wari…

Spicy Sauce (@spicysauce.bsky.social) 2026-01-15T16:11:59.809Z

Dann gibt es noch die Esport-Teams selbst, die ins Kreuzfeuer geraten. Die Carolina Royal Ravens veröffentlichten eine Grafik in den sozialen Medien, woraufhin die Fans sie sofort heftig kritisiert haben, weil die KI das eigene Logo des Teams nicht geglückt generiert hatte.

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Foto: Reddit

Man kann sagen, dass so etwas als ausgesprochen peinlich (allseits gefürchtet: „Cringe“) einzustufen ist. Dennoch ist dieser Vorfall alles andere als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit und wird stark übertrieben behandelt.

Die schmale Grenze zwischen Engagement und „Virtue Signaling“

Diese Hexenjagd-Mentalität erobert bereits die Spieleentwicklung. Setzt ein Studio in der frühen Entwicklungsphase ein Tool für maschinelles Lernen ein und lässt versehentlich ein einziges Platzhalter-Poster in der finalen Version an einer Wand hängen, behandelt das Internet dieses Versehen wie eine bösartige Verschwörung („Clair Obscur: Expedition 33“).

Die Entwickler würden das Poster still und leise per Patch entfernen und durch eine von Menschen geschaffene Grafik ersetzen, doch die Empörungsmaschine hat sich anschließend bereits dem nächsten Ziel zugewandt.

Es scheint, als würden viele Gaming-Fans sich aussuchen, wann sie KI zum Gegenstand eines moralischen Kreuzzugs machen. Es ist einfach, die Masse zu mobilisieren, in den sozialen Medien mitzumischen und über einen schlechten Menühintergrund bei „Mobile Legends“ zu schimpfen, weil dadurch das Gefühl aufkommt, für eine gute Sache zu kämpfen.

Aber was geschieht hier tatsächlich? MOONTON hat im MLBB-Studio niemanden durch KI ersetzt, um diese Menügrafik zu erstellen. Tatsächlich hat ein Künstler, der offensichtlich dort angestellt ist, sie ersetzt. Wenn überhaupt, nutzen die Künstler bei MOONTON offenbar KI, um manches rascher zu erledigen, was man als faul oder gleichgültig ansehen könnte. Aber ist das die X-Vorwürfe und die Reddit-Threads wert? Was wird das bewirken?

Die meisten Esport-Organisationen arbeiten komplett in den roten Zahlen, selbst die großen. Es ist nicht glaubwürdig, dass sie jedes Mal, wenn sie etwas ankündigen, ein Vermögen für Grafiken ausgeben werden.

Höchstwahrscheinlich haben sie einen günstigen Künstler bezahlt, der dann KI eingesetzt hat, um etwas erstellen. Oder vielleicht haben sie auch lediglich einen Social-Media-Mitarbeiter gebeten, rasch ein KI-Bild zu generieren.

Auch Fans nutzen immer noch Claude, um ein langweiliges Buch zusammenzufassen, das sie in der Schule lesen mussten, nutzen die KI ganz oben in ihrer Google-Suche, um in einer Diskussion einen Standpunkt zu untermauern. Sie nutzen E-Mail-Spamfilter und die Wortvorhersage auf ihrem Smartphone und verwenden KI-Filter auf TikTok.

Die meisten besitzen ein Smartphone, das mithilfe von Kinderarbeit hergestellt wurde. Sie nutzen Jeff Bezos’ Amazon, um eine Lieferung innerhalb von zwei Tagen zu erhalten. Sie haben ein Shirt bei Shein gekauft, fahren ein Auto, das zur weltweiten Umweltverschmutzung beiträgt und haben im Zweifel sogar einen Hund von einem Hinterhofzüchter gekauft. Fans lesen Harry-Potter-Bücher, hören Musik von Chris Brown oder schauen sich Filme mit Brad Pitt an. Und sie wollen das „Avatar“-Kampfspiel spielen, obwohl ein Entwickler, dem sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden, daran arbeitet.

Es nimmt kein Ende. Fast jeder sucht sich auf eine ineffektive, fadenscheinige Art und Weise aus, wo sie ihre eigene persönliche Grenze ziehen. Wenn sie also glauben, dass KI im Esport ein größeres Problem ist als alles, was hier erwähnt wird, ist das lediglich Augenwischerei. Die meisten Menschen springen tatsächlich nur auf ein Trendthema in den sozialen Medien auf.

Man kann von KI halten, was man will. Aber letzlich ist es so, als würde man jede neue Technologie hassen – so wie unsere Eltern, die auf SMS, Social Media und Videospiele verständnislos reagieren. Es mag zahlreiche negative Menschen geben, die hinter der KI stehen, und sie hat viele bedenkliche Nebenwirkungen hervorgerufen, dennoch ist sie unvermeidlich. An diesen winzigen Problemen herumzukritteln, wird daher auch bewirken. Eine ums Überleben kämpfende Esport-Organisation ist nicht der Bösewicht.

Der Esport hat weitaus größere Probleme als dieses

Hier ist die kalte, harte Realität der Situation. Esport-Organisationen sind derzeit bekanntermaßen pleite. Die gesamte Branche kämpft sich durch einen massiven wirtschaftlichen Winter, in dem Teams darum ringen, den Betrieb aufrechtzuerhalten, Sponsoren sich zurückziehen und die meisten Organisationen tief in den roten Zahlen stecken.

KI mag oft lahm sein, hat nennenswerte ökologische Nachteile und ist schrecklich, wenn sie die Arbeitsplätze echter menschlicher Künstler in einer Branche ersetzt, die ohnehin schon zu kämpfen hat.

Aber wir tun so, als wäre eine Organisation, die eine billige, fehlerhafte Grafik verwendet, um ein X-Update zu posten, die ultimative Bedrohung für den Wettkampf-Gaming-Bereich.

Der Esport sieht sich mit massivem Burnout bei den Spielern, zusammenbrechenden Ligastrukturen und schwindendem Risikokapital konfrontiert. Ein leicht verzerrtes Logo in einem Tweet am Dienstagmorgen steht ganz unten auf der Prioritätenliste. Tatsächlich könnte es sogar das Ergebnis dieser Probleme sein.

Nicole Mark

Autor
Nicole arbeitet nach ihrem Studium der Germanistik, Kunst- und Filmgeschichte an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg bereits seit 2013 als freiberufliche Content Managerin, Übersetzerin und Texterin . Zudem ist sie als Designerin und WP,- Audio- und Video-Editorin tätig und betreut Personen des öffentlichen Lebens als PR- und Marketing-Managerin. Für Esportsinsider sorgt Nicole dafür, dass unsere Guides und Artikel auch für deutsche Leser präzise, verständlich und leserfreundlich sind.
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