Morgens 10 Uhr, irgendwo mitten in Deutschland. Kein Knoppers, aber dafür Muskelkater, Müdigkeit und vor allem ein schweres Herz und ein bittersüßer Beigeschmack. Nach 4 Tagen vollem Programm, DotA 2 von morgens bis tief in die Nacht, eine unglaubliche Vielfalt an Menschen und ein Grand Final, das in die Geschichte eingeht, ist es unmöglich, sich am nächsten Tag nicht etwas leer zu fühlen. Das Heimweh und die gleichzeitige Sehnsucht nach dem kürzlich Erlebten ist eine seltsame und bittersüße Kombination. Obwohl es mir etwas schwerer als normalerweise fällt, die richtigen Worte zu finden, fühle ich mich unglaublich privilegiert, euch auf eine Reise zurück in das vergangenen Wochenende bei The International 2025 mitzunehmen.
Team Falcon ist der neue TI-Champion
Wer bisher meine täglichen Updates verfolgt hat, weiß, dass ich etwas skeptisch war, ob dieses International meinen letzten Besuch bei der DotA-Weltmeisterschaft übertreffen würde. Wie könne ein Turnier das Märchen von OG bei TI8 toppen? Spätestens, als wir mitten in Game 5 des Finales saßen, die Arena tobte, und Cr1t nur Sekunden nach dem Gewinn sein Gesicht in seinen Händen vergrub, war es um mich geschehen.
Jeder, der schon einmal Jahre auf einen Moment hingearbeitet hat, weiß ganz genau, wie sich Andreas Nielsen, der Support-Spieler von Team Falcon, gefühlt haben muss, als der Ancient von Xtreme Gaming nach einer knappen Stunde fiel. Die Ungläubigkeit und Unbeweglichkeit, während seine Teamkameraden schon anfingen zu feiern, müssen sich wie ein Felsen auf der Brust angefühlt haben. Bis man merkt, dass man es irgendwie geschafft hat, sich von diesem schweren Felsbrocken aus eigener Kraft zu befreien.
Cr1t spielte seit 2011 DotA 2 (beziehungsweise DotA in Warcraft III) und fing 2012 an, in die professionelle Szene zu treten. Doch erst im Jahr 2015 kam sein Durchbruch als Top Tier Spieler mit dem Team Monkey Business, heute als OG bekannt. Trotz mehrerer Siege bei Turnieren und seinem Wechsel zu dem hochgeschätzten Team Evil Geniuses, schaffte es Cr1t trotz 9 Versuchen nie, in die Halle der Legenden von DotA 2 einzuziehen und das Aegis of the Immortals hochzuhalten. Bis gestern.
Skiter & Sneyking werden zu zweifachen Champions
Nicht für für Cr1t war der Sieg ein Riesenerfolg. Auch seine Teammates Stanislav “Malr1ne” Potorak und Ammar “ATF” Assaf hielten die heißbegehrte Trophäe nach einem nervenaufreibenden Turnier zum ersten Mal in ihren Händen und legten sich erstmal auf den Boden der Arena, als ob um den Moment zu bewahren, in dem sie das scheinbar unmögliche erzielten.
Oliver “Skiter” Lepko and Jing “Sneyking” Wu, die anderen beiden Spieler von Team Falcon, sind nicht zum ersten Mal TI-Gewinner. Bereits in 2022 schafften die beiden es mit Team Tundra, ihre Namen auf dem Aegis zu verewigen. Eine unglaubliche Leistung, die bisher nur wenige Spieler wie die DotA-Legenden wie N0tail oder ana erreichten.
Doch der eigentliche Gewinner ist Coach Aui_2000. Nachdem Kurtis Ling als Spieler unter Evil Geniuses TI5 gewann, schaffte er es, Team Tundra bei TI11 als Coach zum Sieg zu führen. Mit seinem dritten Sieg bei The International 15 zieht der ehemalige Pro-Player in die Geschichte von Esports ein und ist somit wahrscheinlich der beste DotA-Spieler aller Zeiten.
Fünf intensive Spiele für DotA-Fans
Für die Zuschauer im Barclays-Stadion in Hamburg war das große Finale des International einfach nur Kino. Fünf ganze Games lang konnte das Publikum zuschauen, mitfiebern und mitfeiern. Ein Endergebnis von 3-2 ist nicht immer selbstverständlich und oftmals enden die Spiele im Finale in einem einseitigen 3-0. Zum letzten Mal wurden wir vor vier Jahren bei TI10 mit fünf Games gesegnet. Und was kann ich sagen? Es war ein absoluter Traum, dies live mitzuerleben.
Das erste Spiel der Partie ging verdient an Xtreme Gaming. Nach einem recht ausgeglichenen Start und einem leichten, aber unbedeuteten Vorteil für Team Falcons bis zur 40. Minute, schaffte Ame, der Carry von XG, es in mehreren Teamkämpfen die Oberhand zu gewinnen. Kurz darauf hieß es „GG“ und es stand 0-1.
Im zweiten Game lernte Team Falcon aus seinen Fehlern. Mit einem fast komplett neuen Draft und dem Pick von Primal Beast für Midlaner Malr1ne diktierte Falcon das Spiel komplett. XG hatte keine Chance gegen die Symphonie von Skills des neuen Weltmeisters und Falcon konnte den Spielstand ausgleichen.
Das dritte Spiel war durchaus sehr interessant, denn beide Teams entschieden sich dafür, eine neue Strategie zu wählen. Doch nach einem Fehler von ATF auf Pangolier, wo er während seiner Ultimate stecken blieb, konnte Team Falcon das Spiel nicht mehr umdrehen. Xtreme Gaming gewann das Game souverän nach nur 40 Minuten ohne Deaths auf dem Midlaner und dem Carry.
Zwischen XG und dem Aegis stand nur noch ein Sieg. Mittlerweile war es aber schon 19 Uhr und Xtreme Gaming hatte nicht nur die drei gespielten Games des Serie hinter sich, sondern auch 3 Spiele gegen Team PARIVISION im Lower Bracket Finale. XG stand das 7. Game des Tages bevor und die Nerven lagen blank. Es war also keine Überraschung in dieser Hinsicht, dass das vierte Game der Partie recht schnell von Falcon gewonnen wurde. Mit einem Last-Pick von Ursa für Offlaner ATF konnte Falcon das chinesische Team regelrecht überrennen.
Nervenkitzel im Finale
Die Stimmung war nun extrem intensive and angespannt. Beide Teams mussten jeweils nur noch einmal den gegnerischen Ancient erobern um in die DotA-Geschichte einzugehen, was man an dem vorsichtigen Playstil erkennen konnte. Oft standen sich die Heroes der Teams im Game direkt gegenüber, ohne einen Teamfight zu beginnen.
Im Early Game hatte XG leicht die Nase vorne, farmte schneller und erzielte einige Pick-Offs, die den Vorteil weiter ausweiten. Doch dies war alles Teil des Plans für Team Falcon, deren Line-Up auf ein unbesiegbares Late Game abzielte. Mit Skiter auf Medusa, ATF auf Magnus und Cr1t auf Disruptor war die Basis für den Gewinn gelegt. Auch überraschend: Zum ersten Mal auf der Mainstage sahen wir Naga Siren. Der Hero war sonst immer gebannt.
Sneyking, der Position-5-Spieler von Falcon, legte eine unglaubliche Performance auf dem Hero hin. Er pushte Lanes, blockierte Camps, und mehr als einmal rettete er sein Team mit der Ultimate Song of the Siren in letzter Sekunde. Dank viel Geduld, Mapkontrolle und einem wunderschönen Zusammenspiel, schaffte Team Falcon das scheinbar Unmögliche und wurde zum neuen Champion gekrönt.
Doch etwas fehlt
Trotz des regelgerechten Genusses des professionellen DotA-Gameplays, das wir sehen konnten, fehlte mir noch etwas. Und tatsächlich dachte ich, es würde kommen, als Host Sheever die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Leinwand lenkte.
Kurz vor dem großen Finale kommt also die Ankündigung: Das International kehrt nächstes Jahr nach Shanghai zurück. Großartige Neuigkeiten für die chinesischen DotA-Fans, die den weiten Weg nach Hamburg auf sich genommen haben. Schlechte Nachrichten jedoch für mich persönlich und vermutlich die ganze Community, denn keine weitere Ankündigung folgt.
Kein Allstar-Match, was jahrelang eine Tradition war. Nicht allzu überraschend für mich und viele DotA-Fans, denn obwohl es in der Vergangenheit ein geliebter Teil von TI ist, ist es nämlich genau das: Vergangenheit.
Was mich jedoch etwas erschütterte, war, dass kein neuer Hero angekündigt wurde. Bisher war dies ein fester Bestandteil des Programms. Reddit-User ChocolateSpikyBall vermutet, dass die Entwickler von Valve derzeit hauptsächlich mit dem relativ neuen Spiel Deadlock beschäftigt sind, welches regelmäßige Updates und neuen Content bekommt. Im selben Thread äußert sich CrabOne9001 enttäuscht: „No Arcana Vote, No All-Star Match, No New Heroes. Valve slowly killing TI“
Ausblick in die DotA-Zukunft
Obwohl der Post-TI-Blues derzeit schon ziemlich hart hittet, haben wir einige Dinge, worauf wir uns in der nahen Zukunft freuen können. Die nächsten Turniere werden bald angekündigt und wir können einen großen Gameplay-Patch erwarten. Viele Pro-Player werden in der etwa einmonatigen Pause im DotA Pro Circuit wahrscheinlich zu ihren täglichen Streams auf Twitch und anderen Plattformen zurückkehren.
Nicht so Liquid.SabeRLight-, wie er mir in einem Interview verrät: „Nach TI geht es für mich direkt nach London, wo meine feste Freundin erst neulich eine Wohnung gekauft hat. Diese wollen wir zusammen renovieren. Außerdem werde ich einige Games zocken, wie zum Beispiel RimWorld, was ich nur empfehlen kann.“
Auf die Frage hin, ob er sich darauf freue, bald wieder DotA zu spielen, meint er: „Die nächste Saison beginnt in etwa einem Monat. Ich habe also kaum Freizeit. Ich werde deshalb versuchen, die Zeit zu genießen, die ich frei habe, um nicht DotA zu spielen. Und dann komme ich zurück und wir werden die Saison wieder rocken.“ Er lacht und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu „Normale Menschen wie du und ich müssen uns manchmal etwas vom Game distanzieren und Gras anfassen“, wo ich ihm nur zustimmen kann.
In diesem Sinne ziehe ich meine Wanderschuhe an und mache mich auf die Suche nach diesem sogenannten Gras. Zumindest gleich nachdem ich meine TI-Ausbeute in meinem Steam-Inventar, die exklusive Crimson Witness Treasure Chest, fertig bewundert habe. Und vielleicht zwei oder drei Ranked Games gegen fünf Helm of Dominators verliere. Ansonsten lässt sich nur noch eines sagen: Auch die neue Saison in der DotA-Pro-Szene wird wieder unglaublich spannend.