Fünf Jahre Vertrauen: Warum Team Vitality auf Jeondding setzt

Linda Güster
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Inhaltsverzeichnis
  1. Reife als Strategie
  2. Zwischen Europa und den USA
  3. Lernen, um vorzudenken
  4. Wachstum mit Weitblick
  5. Ein Markt im Wandel
  6. Diversifikation als Schutzschild
  7. Community als Kern
  8. Frankreich als Herz und Haltung
  9. Nähe, die trägt
  10. Verantwortung durch Vertrauen
  11. Kultur als Kompass
  12. Mehr als Trophäen
  13. Ein Spieler als Spiegel
Danny Engels
Image credit: Team Vitality

Als Team Vitality die Vertragsverlängerung von Jeon “Jeondding” Sang-hyun bekanntgab, fiel die Reaktion ungewöhnlich einstimmig aus. Kein Streit, keine Skepsis – nur Zustimmung. „Ich glaube, es ist selten, dass man eine Ankündigung hat, die fast ausschließlich positiv aufgenommen wird“, sagt Danny Engels, Corporate Director of Global Operations bei Team Vitality. „Natürlich gibt es immer ein paar Leute, die irgendwas auszusetzen haben, aber Jeondding? Den kann man einfach nicht hassen. Er ist phänomenal.“

Für Engels ist dieser Moment sinnbildlich. Die Fighting-Game-Community gilt als leidenschaftlich, aber kritisch – und doch scheint sich bei Jeondding alles auf einen Nenner bringen zu lassen: Sympathie. „Er ist einer dieser seltenen Spieler, die von allen geliebt werden“, sagt er. „Deshalb ist diese Verlängerung absolut verdient.“

Dass Vitality dem Koreaner gleich fünf weitere Jahre gibt, ist mehr als ein sportliches Bekenntnis. In einer Szene, in der Rotationen an der Tagesordnung sind, wirkt so viel Vertrauen fast radikal. „Man sieht selten Fünfjahresverträge im Esport“, erklärt Engels. „In League of Legends vielleicht drei, manchmal vier Jahre – aber im Fighting-Game-Bereich auf diesem Level? Das gab es bisher nicht.“

Er weiß, dass dieser Schritt nicht ohne Risiko ist. „Wir wissen nicht, wie sich die Fighting-Game-Szene entwickelt, oder was der Esports World Cup langfristig für Tekken bedeutet“, sagt er. „Aber wenn man die Person Jeondding betrachtet, gleicht das viele Risiken aus. Es geht bei ihm nicht nur um Tekken. Er hat etwas geschaffen, das größer ist als das Spiel selbst – ein Umfeld, in dem er geliebt wird, gerade auch innerhalb unserer Fanbase. Für jemanden wie ihn wird es bei Vitality immer einen Platz geben, egal was passiert.“

Diese Perspektive ist für Engels zentral. Der Vertrag ist kein einseitiges Investment, sondern eine gemeinsame Verpflichtung. „Er wird älter – kein Teenager mehr, der gerade in die Szene kommt“, sagt Engels. „Er muss sich in den nächsten fünf Jahren auch fragen: Was will ich mit meiner Zukunft anfangen? Wo entwickle ich mich hin? Aber genau diese Zeit haben wir uns gegenseitig gegeben. Wir wollen das Maximum herausholen – miteinander.“

Reife als Strategie

Danny Engels ist kein typischer Manager. Bevor er in Führungspositionen wechselte, war er selbst Profi – Sim-Racer bei SK Gaming, zu einer Zeit, als das Team als eine der größten Organisationen der Welt galt. Diese Erfahrung, sagt er, hat ihn geprägt. „Damals habe ich den Business-Teil nicht verstanden. Ich habe gespielt, Preisgelder gewonnen, mich über Sponsoren gefreut – aber nicht begriffen, wie SK damit eigentlich Geld verdient.“

Er spricht von einem Lernprozess, der Jahre gedauert hat. „Über die Zeit fängst du an, die Punkte rückwärts zu verbinden. Du siehst, warum bestimmte Entscheidungen getroffen wurden, und verstehst, wie Organisationen funktionieren. Heute versuche ich, diese Erfahrungen in meine Arbeit bei Vitality einzubringen.“

Nach über 15 Jahren im Esport kennt er die Zyklen von Hype und Krise. „Viele Dinge liegen außerhalb unserer Kontrolle – Publisher-Entscheidungen, wirtschaftliche Entwicklungen, neue Trends. Aber wir haben gelernt, besser zu antizipieren. Früher haben wir nur reagiert, heute versuchen wir, uns vorzubereiten.“

Diese Vorbereitung versteht er nicht nur operativ, sondern als Haltung. „Wir wollen keine kurzfristigen Sprints, sondern nachhaltige Wege. Das bedeutet auch, Fehler aus der Vergangenheit nicht zu vergessen, sondern aus ihnen Strukturen zu bauen.“

Zwischen Europa und den USA

Einen großen Teil dieser Erfahrungen sammelte Engels in Nordamerika. Zwei Jahre arbeitete er bei Evil Geniuses in Seattle – und erlebte dort den Aufstieg und Zusammenbruch der Krypto-Ära aus nächster Nähe. „2021 war Krypto plötzlich überall. TSM, FTX – das war verrückt. Dann ist die Blase geplatzt, und du hast überall Entlassungen gesehen. Das war ein Schock, aber auch eine wichtige Erfahrung.“

Er vergleicht die amerikanische Mentalität mit der europäischen. „In den USA ist Business viel risikoreicher. Man investiert schnell, aber man trennt sich auch schnell. Hier in Europa geht das nicht so einfach. Wenn ich einen Fünfjahresvertrag unterschreibe, kann ich den Spieler nicht morgen wieder entlassen. Das ist gesetzlich und kulturell anders. Und das prägt die Art, wie du arbeitest.“

Für ihn ist diese Verbindlichkeit kein Hindernis, sondern ein Stabilitätsanker. „Sie zwingt dich, langfristig zu denken. Wenn du weißt, dass du nicht einfach alles ändern kannst, planst du besser. Das macht den Unterschied zwischen Organisationen, die überleben, und denen, die schnell verglühen.“

Er formuliert es nüchtern, aber die Botschaft ist klar: Langfristigkeit ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. „Wir brauchen mehr Balance zwischen den Stakeholdern – Publisher, Turnierveranstalter, Spieler, Teams, Agenten. Nur, wenn alle profitieren, funktioniert das System langfristig. Das ist die Art von Win-Win-Ökosystem, die wir aufbauen müssen.“

Lernen, um vorzudenken

Er blickt zurück, um nach vorn zu sehen. „Ich war Spieler, habe Preisgelder gewonnen und den Esport aus der Innenperspektive erlebt. Jetzt verstehe ich, wie wichtig es ist, Empathie zwischen den Beteiligten zu haben. Es reicht nicht, dass eine Seite gewinnt. Wenn Publisher oder Teams zu viel Druck aufbauen, bricht das System. Wenn alle verstehen, was die andere Seite braucht, kann es wachsen.“

Diese Balance ist für ihn der Kern von Nachhaltigkeit im Esport – und damit auch der Kern von Vitalitys Arbeit. „Das ist das, was mich in den letzten 15 Jahren am meisten gelehrt hat: Nicht reagieren, sondern verstehen. Und dann bauen. Jeondding passt da perfekt rein, weil er diese Ruhe und Professionalität verkörpert. Er steht für einen Esport, der nicht nur glänzen, sondern halten will.“

Wachstum mit Weitblick

Wenn Danny Engels über die Zeit bei Team Vitality spricht, wirkt er nicht wie jemand, der sich auf vergangene Erfolge ausruht. Auf die Frage, welche Entscheidung für ihn die wichtigste gewesen sei, muss er kurz nachdenken. Dann sagt er ruhig: „Wahrscheinlich war das, was mich am meisten geprägt hat, dass ich Vitality früh ermutigt habe, beim Esports World Cup dabei zu sein.“

Es klingt fast bescheiden, aber dahinter steckt ein Wendepunkt. „Das hat uns vieles ermöglicht, was wir heute erleben“, erklärt er. „Ohne diesen Schritt hätten wir weder Jeondding im Team noch unser Mobile-Legends-Bang Bang Women-Team, das uns in diesem Jahr so viel Freude bereitet hat.“ Für Engels war diese Entscheidung mehr als sportliche Planung – sie war strategische Weitsicht. „Der Esports World Cup war am Anfang für viele ein Risiko. Für uns wurde er zu einem Katalysator. Wir haben nicht nur sportlich profitiert, sondern auch wirtschaftlich. Das Event hat Gewinne gebracht, die wiederum direkt an unsere Mitarbeitenden zurückfließen – in Gehälter, in Zukunftssicherheit, in Boni. So schließt sich der Kreis.“

Man merkt, dass ihn dieses Thema beschäftigt: Wie kann ein Club groß werden, ohne sich zu überdehnen? „Wir haben als Branche viel aus der Vergangenheit gelernt“, sagt er. „Ich sehe Vitality als Beispiel dafür, wie man ambitioniert bleibt, aber trotzdem solide Strukturen aufbaut. Das ist etwas, das vielen Organisationen im letzten Jahr gefehlt hat.“

Hintergrund: Jeondding und Team Vitality
Jeon “Jeondding” Sang-hyun gilt seit Jahren als einer der prägendsten Tekken-Spieler weltweit. Der Südkoreaner steht für eine Spielweise, die Emotion und Präzision verbindet – aggressiv, aber nie unüberlegt, mit einem Gespür für Timing, das ihn in jeder Turnierumgebung gefährlich macht. Spätestens seit seinem vierten Platz beim Esports World Cup 2025 hat sich Jeondding fest in der Weltelite etabliert. Für viele Fans ist er mehr als ein Spieler – ein Charakter, der die Fighting-Game-Community mit seiner offenen, respektvollen Art zusammenbringt.

Team Vitality hat ihn 2024 verpflichtet und nun bis 2030 an sich gebunden. Das Pariser Esport-Team gehört zu den größten Organisationen Europas und vereint derzeit über 75 Athlet:innen in mehr als einem Dutzend Spielen, darunter Counter-Strike 2, League of Legends, Rocket League und Mobile Legends. Mit seinem Hauptsitz im V.Hive in Paris, Trainingszentren in Berlin und Asien sowie Millionen treuer Fans gilt Vitality als Herzstück der französischen Esport-Kultur – ambitioniert, emotional, professionell.

Ein Markt im Wandel

Doch auch Engels weiß, dass Stabilität im Esport keine Selbstverständlichkeit ist. Auf die Frage, ob die Branche mittlerweile reif genug für jahrzehntelange Karrieren sei, schüttelt er leicht den Kopf. „Wir sind noch nicht ganz dort. Der Esport wächst, aber er ist fragil. Ein neuer Trend, ein wirtschaftlicher Einbruch – und alles kann sich verändern.“

Er spricht von einem Ökosystem, das sich noch immer definiert. „Wir wissen selbst noch nicht ganz, ob wir ein Sport- oder ein Entertainment-Business sind“, sagt er nachdenklich. „Aber was ich sehe, ist, dass wir in diese Richtung gehen. Wir werden noch ein paar Achterbahnfahrten durchmachen, bevor sich die Branche wirklich stabilisiert.“

Dann hält er kurz inne, bevor er eine Beobachtung formuliert, die er als „Hot Take“ bezeichnet. „Ich glaube, in den nächsten fünf Jahren wird sich die Kluft zwischen Tier-1- und Tier-2-Esport weiter öffnen. Die großen Organisationen werden noch stärker, investieren in mehr Spiele, und kleinere Teams werden es schwerer haben, mitzuhalten.“

Er nennt Beispiele: League of Legends, wo viele ERL-Teams bereits mit den Kosten kämpfen. „Man sieht das schon jetzt. Aber das Gleiche wird in anderen Spielen passieren. Der Esports World Cup ist ein weiterer Faktor, weil er die Powerhouses noch größer macht. Die investieren mehr, werden globaler, und dadurch verändert sich das gesamte Gleichgewicht.“

Es ist keine Klage, sondern eine nüchterne Analyse. „Das wird neue Herausforderungen bringen – aber auch neue Chancen. Wir wollen natürlich auf der Tier-1-Seite stehen. Dafür bauen wir gerade.“

Diversifikation als Schutzschild

Wie aber schützt man sich als Organisation vor den unberechenbaren Bewegungen der Branche? Engels lacht, bevor er antwortet. „Viele Dinge sind offensichtlich: Investitionen sichern, Partnerschaften pflegen, vorausschauend planen. Aber was wirklich zählt, ist Nachhaltigkeit. Du darfst keine kurzfristigen Strohfeuer entzünden. Wenn du in etwas investierst, musst du sicherstellen, dass du es fünf oder zehn Jahre tragen kannst.“

Er beschreibt Vitalitys Strategie, sich breiter aufzustellen – nicht als Trend, sondern als Sicherheitsnetz. „Wenn es stimmt, dass die Lücke zwischen Tier 1 und Tier 2 wächst, dann will ich auf der Seite der Powerhouses stehen“, sagt er. „Aber um das zu erreichen, müssen wir ein Portfolio aufbauen, das mehrere Säulen trägt.“

Für ihn bedeutet das: nicht mehr nur auf einzelne Spiele setzen. „Früher hast du dich über einen Titel definiert – bei G2 war es League of Legends, bei uns ist es oft Counter-Strike. Aber wenn du wirklich global werden willst, brauchst du Erfolg in mehreren Bereichen. Mobile Gaming zum Beispiel. Wenn du in einem Bereich underperformst, kann ein anderer das auffangen.“

Das ist nicht nur Strategie, sondern Schutz. „So sichern wir auch unsere Partner ab. Wenn jemand in uns investiert, soll er wissen: Vitality hängt nicht von einem einzigen Spiel ab. Das ist die Zukunft – ein Portfolio, das stark genug ist, um Schwankungen auszuhalten.“

Er erinnert sich an die jüngsten Monate, in denen Vitality acht Titel gewann – und trotzdem Kritik einstecken musste. „Sobald du mal nur das Halbfinale erreichst, kommen die Stimmen, die sagen: ‚Was ist los mit euch?‘ Wenn das die Erwartungshaltung ist, hast du ein Problem. Deswegen müssen wir wachsen – nicht nur in einem Spiel, sondern als Ganzes.“

Community als Kern

Während er über Expansion spricht, verliert Engels nie die Basis aus dem Blick: die Fans. „Die Community ist der gemeinsame Nenner in allem, was wir tun. Sie entscheidet, ob unsere Arbeit trägt oder nicht.“

Für ihn ist sie der Schlüssel, um verschiedene Fanlager zusammenzubringen. „Cross-Pollination ist kompliziert. Jedes Spiel hat seine eigene Kultur. Aber wenn du eine Community aufbaust, die für denselben Spirit steht – Leidenschaft, Wettkampf, Zusammenhalt –, dann wächst sie mit dir, egal in welchem Spiel.“

Jeondding sei ein Paradebeispiel dafür. „Viele Vitality-Fans kamen ursprünglich wegen Counter-Strike oder League. Als wir Jeondding verpflichtet haben, haben sie ihn sofort angenommen. Niemand fragte: ‚Wer ist das?‘ – sie haben ihn einfach willkommen geheißen. Das hat ihm den Einstieg enorm erleichtert.“

Das ist es, was Engels an Vitality so schätzt. „Diese Community ist offen, positiv und loyal. Sie geht mit uns durch Höhen und Tiefen. Das ist unbezahlbar.“

Frankreich als Herz und Haltung

Wenn Danny Engels über Frankreich spricht, klingt es wie über ein Zuhause – auch wenn er selbst in Deutschland lebt. „Ich wohne nur 15 Minuten von der Grenze entfernt“, sagt er mit einem leichten Lächeln. „Ich bin also quasi Teil dieser Kultur, ohne dort zu wohnen.“

Für ihn ist Frankreich mehr als nur Vitalitys Ursprungsort. Es ist ein Fundament, das den Club prägt – emotional, sportlich, kulturell. „Die französische Szene hat etwas Besonderes“, sagt er. „Hier geht es wirklich um Wettbewerb, um Stolz, um das Gewinnen selbst. Das unterscheidet sie stark von Nordamerika, wo der Fokus oft auf Content und Lifestyle liegt.“

Er beschreibt es als fast sportlich-patriotische Mentalität, die auch Partner und Sponsoren teilt. „Viele Marken, mit denen wir arbeiten, wollen Erfolg sehen. Sie wollen, dass du gewinnst, nicht nur, dass du viral gehst. Das ist ein riesiger Unterschied zu den USA, wo Klickzahlen wichtiger sind als Trophäen.“

Diese Haltung hat Vitality in den letzten Jahren zu einer Art nationalem Symbol gemacht – einer Organisation, die für ehrgeizigen, aber respektvollen Wettbewerb steht. „Ich habe großen Respekt vor unseren französischen Kollegen und auch vor Karmine Corp“, sagt Engels. „Wir alle zeigen, dass man Esport wie echten Sport führen kann – professionell, mit nachhaltiger Struktur und echter Fanbindung.“

Doch er weiß auch, dass dieses Modell nur funktioniert, wenn man sich anpasst. „Natürlich müssen wir wachsam bleiben. Trends ändern sich, vielleicht verschiebt sich der Fokus irgendwann wieder stärker hin zu Entertainment oder Lifestyle. Aber im Moment können wir den Esport als echtes Sportbusiness leben – und das funktioniert.“

Nähe, die trägt

Was diese Haltung konkret bedeutet, spürt man vor allem in der Beziehung zwischen Club und Fans. Für Engels ist das keine Phrase, sondern gelebte Realität. „Die französische Fanbase ist unglaublich leidenschaftlich. Sie bringt eine Energie mit, die Spieler wirklich spüren. Und sie macht das nicht nur online.“

Er erinnert sich an eine Szene, die ihm besonders im Gedächtnis geblieben ist. „Als wir KingReyJr für Tekken verpflichtet haben, war er kaum drei Tage im Club. Dann trat er in Brüssel an – und plötzlich standen dort zehn, zwanzig Golden Hornets, die ihn anfeuerten. Sie hatten ihn noch nie live gesehen. Aber für sie reichte es, dass er das gelbe Trikot trug.“

Er hält kurz inne, dann lacht er leise. „Das war so ein Moment, in dem du merkst, wie viel Herz in dieser Community steckt. Diese Nähe kann man nicht planen, die entsteht aus echter Identifikation.“

Für Engels ist das mehr als Fanliebe – es ist ein Teil der Clubidentität. „Das ist das, was Vitality ausmacht. Diese Verbundenheit zwischen Spielern, Fans und Mitarbeitern. Wenn du Teil dieser Familie bist, bekommst du das sofort zu spüren.“

Verantwortung durch Vertrauen

Doch diese Nähe bringt auch Verantwortung. „Unsere Fans investieren emotional so stark, dass sie uns auch zur Rechenschaft ziehen“, sagt Engels. „Sie sind laut, sie sind kritisch, sie sind ehrlich – und genau das ist gut so. Sie führen uns in die richtige Richtung, weil sie klare Erwartungen haben.“

Ich beschreibe die Beziehung zwischen Club und Community fast wie eine Symbiose. Engels bringt es auf den Punkt: „Wir geben ihnen Leistung, sie geben uns Feedback. Wir fordern Loyalität, sie geben uns Vertrauen. Das hält uns alle auf Kurs.“

Diese Haltung prägt auch den Umgang mit neuen Talenten. Für Spieler wie Jeondding ist es selbstverständlich, in Frankreich eine zweite Heimat zu finden. „Er ist hier unglaublich beliebt“, erzählt Engels. „Er liebt die Fans, und die Fans lieben ihn. Wenn er nach Frankreich kommt, spürt man das sofort.“

Events wie EVO Nice zeigen das besonders deutlich. „Er erlebt dort die französische Community hautnah – nahbar, enthusiastisch, respektvoll. Das macht etwas mit einem Spieler. Es motiviert, es verbindet.“

Kultur als Kompass

Dass Vitality heute zu den wichtigsten Esport-Organisationen der Welt gehört, liegt für Engels auch an dieser kulturellen Basis. „Wir verlieren nie unseren französischen Kern, selbst wenn wir global expandieren“, sagt er. „Egal ob in Indonesien, Indien oder den USA – überall bringen wir denselben Spirit mit.“

Er nennt es „French charm“, halb scherzhaft, halb stolz. „Es ist schwer zu erklären, aber es steckt in allem, was wir tun. Es geht um Leidenschaft, aber auch um Respekt. Um Emotion, aber ohne Überheblichkeit. Das zieht Talente an – egal, woher sie kommen.“

Diese Verbindung zwischen lokaler Identität und globaler Vision spiegelt sich auch in den Spielern wider. „Jeondding passt perfekt in dieses Bild“, sagt Engels. „Er ist professionell, freundlich, nahbar – genau die Art Mensch, die unsere Werte trägt. Deshalb fühlt sich Frankreich für ihn fast wie ein zweites Zuhause an.“

Mehr als Trophäen

Zum Ende des Gesprächs kommen wir auf das KARE-Programm zu sprechen – Vitalitys Initiative für mentale Gesundheit und Inklusion. Engels lehnt sich etwas zurück, seine Stimme wird ruhiger. „Das ist ein emotionales Thema“, sagt er. „Ich war nicht von Anfang an dabei, also möchte ich nicht zu viel über die Entstehung sprechen. Aber was ich sagen kann: Es gibt dem Club eine tiefere Bedeutung.“

Er spricht über Verantwortung, die über den sportlichen Erfolg hinausgeht. „Wenn du mit Menschen arbeitest – Spielern, Coaches, Mitarbeitern –, dann musst du ihnen mehr geben als Gehälter oder Titel. Sie müssen das Gefühl haben, dass sie für etwas stehen. KARE bietet genau das: einen Sinn, eine gemeinsame Haltung.“

Für Engels ist das ein Kernpunkt dessen, was Vitality ausmacht. „Das Programm zeigt, dass wir nicht nur für den Wettbewerb da sind, sondern für die Menschen, die diesen Wettbewerb möglich machen. Spieler, Staff, Fans – alle gehören dazu.“

Er sieht darin auch den Grund, warum Jeondding so gut zu Vitality passt. „Er verkörpert alles, wofür wir stehen: Leidenschaft, Bescheidenheit, Positivität. Deshalb passt dieser Fünfjahresvertrag auch so gut. Er ist mehr als ein sportlicher Deal – er ist Ausdruck einer gemeinsamen Philosophie.“

Ein Spieler als Spiegel

Am Ende bleibt man mit dem Gefühl zurück, dass Jeondding für Team Vitality längst mehr ist als ein Name auf dem Roster. Er steht für eine Haltung, die der Club über Jahre kultiviert hat: ehrgeizig, aber bodenständig, global, aber mit klarer Identität.

„Er passt einfach perfekt zu uns“, hatte Danny Engels zwischendurch gesagt – fast beiläufig, aber mit Nachdruck. Denn Jeondding verkörpert all das, was Vitality ausmacht: die Leidenschaft der Golden Hornets, den sportlichen Stolz Frankreichs, die Menschlichkeit des KARE-Programms und die langfristige Vision einer Organisation, die an mehr glaubt als an den nächsten Sieg.

Wenn er im gelben Trikot in die Halle tritt, ist das nicht nur ein Spieler, der Tekken spielt. Es ist ein Stück Vitality-Geschichte in Bewegung – die Verbindung von Menschlichkeit, Wettbewerb und Kultur, die dieser Club seit Jahren so konsequent aufbaut.

Und vielleicht ist genau das der Grund, warum dieser Vertrag bis 2030 so viel mehr bedeutet als bloße Laufzeit. Er ist ein Versprechen. Ein gemeinsames: zwischen einem Spieler, einem Club und einer Community, die sich gegenseitig trägt – auf und jenseits der Bühne.

Linda Güster

Journalistin
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Linda Güster ist leidenschaftliche Gamerin und als Teil des Freelance-Teams bei ESI immer am Puls der eSports-Szene. Ob knallharte Dota 2-Matches, nervenaufreibende Survival-Abenteuer in Subnautica oder entspannte Stunden mit Cozy Games wie Stardew Valley — sie liebt die ganze Bandbreite des Gaming-Universums. Abseits davon bringt sie als Software-Entwicklerin und Freelancerin ihr Können in die Welten von Technologie, Mode, Finanzen und iGaming ein, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen und spannenden Projekten.
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