Odoamne übers Loslassen und Weitermachen

Linda Güster
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Inhaltsverzeichnis
  1. Zwischen zwei Welten
  2. Der trockene Ton
  3. Coaching als Übersetzung
  4. Struktur, nicht Geld
  5. Zwischen Risiko und Zufall
  6. Ein Zuhause zwischen Welten
  7. Der Wettkampf bleibt
  8. Arbeit, Leerlauf, Selbstdisziplin
  9. Die Sprache des Spiels
  10. Das neue Gleichgewicht
Odoamne
Image credit: Odoamne via Instagram

Es ist Sonntagnachmittag in Madrid, der Lärm der Arena klingt noch nach, und Andrei „Odoamne“ Pascu wirkt wie jemand, der gelernt hat, Ruhe inmitten von Chaos zu finden. Er sitzt da, entspannt, aber wach, ein Glas Wasser vor sich, und erzählt, als würde er die Worte vorsichtig aus einer Schublade holen. „Ich hatte heute Scrims mit Los Ratones“, sagt er gleich zu Beginn, sachlich, fast nüchtern. Kein großes Drumherum. Routine.

Er ist seit Jahren an diese Tage gewöhnt – lange, strukturiert, voll mit Analyse, Meetings, Gesprächen, Momenten der Konzentration. Nur, dass er heute nicht mehr als Toplaner auf der Bühne steht. Er ist Assistant Coach, Analyst, Mentor. „Ich arbeite mit Los Ratones und bin auch als Positional Coach bei VKS in LTA South. Und bei Riot sitze ich auf der Broadcast-Seite.“

Was nach stabiler Routine klingt, ist in Wahrheit eine Neuordnung seines ganzen Lebens. „Ich bin ehrlich gesagt überarbeitet“, sagt er fast entschuldigend. „Aber das ist normal. Wenn du zehn Jahre lang Pro warst, hast du nie Freizeit. Wenn du sie plötzlich hast, fühlt sich das falsch an.“

Er erzählt es ohne Pathos, aber man merkt: Für ihn war Arbeit immer auch Identität. „Ich war so gewohnt, nonstop zu trainieren, dass ich dachte: Wenn ich Zeit habe, mach ich was falsch.“ Er lacht trocken. „Ich muss erst noch lernen, dass das nicht stimmt.“

Zwischen zwei Welten

Odoamnes neue Rolle kam nicht aus Euphorie, sondern aus Notwendigkeit. „Es war gezwungen“, sagt er. „Wenn du im Esport zurückgelassen wirst, kommst du nie wieder rein. Ich hatte keine LEC-Angebote. Also musste ich mich bewegen.“

Als sich das Broadcast-Team formierte, war er einer der ersten, die den Schritt wagten. Fast zeitgleich kam die Chance, mit Caedrel zusammenzuarbeiten. „Sie brauchten jemanden, der Baus führt, weil er am wenigsten Wettbewerbserfahrung hatte. Ich hab angefangen, ihm zu helfen – und dann gemerkt, dass ich noch viel mehr ändern kann. Wenn du siehst, dass du etwas verbessern kannst, warum würdest du’s nicht tun?“

Es war der Beginn einer neuen Routine: Coaching, Analysen, Broadcasts, Teamarbeit. „Chris, mein alter Assistant Coach bei Rogue, hat mich später für VKS angefragt. Er meinte, er schätzt meine Erfahrung. Ich hab Ja gesagt. Es war viel Arbeit, aber ich mag’s, gebraucht zu werden.“

Das klingt nach glatter Entwicklung, doch der Weg war rau. „Ich hatte das Gefühl, ich fange bei null an. Du hast dieselben Werte, dieselbe Disziplin – aber du musst sie anders anwenden. Coaching hat eine andere Sprache. Du musst lernen, wie du Menschen erreichst.“

Der trockene Ton

Dass Odoamne vor der Kamera steht, wirkt wie ein Paradox. „Ich bin ein sehr trockener Typ“, sagt er und grinst fast. „Am Anfang hab ich Sachen gesagt wie ‚Ich bin so aufgeregt!‘ – aber meine Stimme klang null so. Alle dachten, ich mach Witze.“

Er hat gelernt, damit zu spielen. „Broadcast ist anders. Du redest nicht mit einem Team, sondern mit tausenden Leuten. Du musst Emotionen zeigen, selbst wenn du’s nicht fühlst. Das war schwierig, aber auch spannend, weil du lernst, anders zu kommunizieren.“

Das Publikum spürt trotzdem, dass es echt ist. Vielleicht gerade, weil er sich nicht verstellt. Er redet wie jemand, der gelernt hat, dass leise Töne länger halten als laute.

Coaching als Übersetzung

Wenn er über Coaching redet, klingt es, als ob er ein Handwerk beschreibt. „Ein guter Coach weiß, wie man mit verschiedenen Menschen spricht“, sagt er. „Ich mag’s, wenn jemand direkt ist – ‚Das war schlecht, mach’s besser‘. Aber nicht jeder funktioniert so.“

Er macht eine Pause. „Manche musst du mitnehmen, du musst sie über einen Hügel führen, durch ein Tal, ihnen die Geschichte erzählen, bis sie verstehen, was du meinst. Und genau das vernachlässigen viele Coaches. Wissen reicht nicht mehr. Jeder hat Wissen. Heute geht’s um Menschen. Um Psyche, Motivation, Kommunikation.“

Er lehnt sich zurück. „Die besten Coaches, die ich hatte, waren die, die wussten, wie sie mit mir reden müssen. Nicht die mit den meisten Erfolgen.“

Er kritisiert das System, ohne bitter zu klingen. „Viele Teams rekrutieren über Beziehungen. Kaum jemand scoutet Coaches. Es geht viel um ‚wen kennst du‘, nicht ‚was kannst du‘. Das verlangsamt alles.“

Struktur, nicht Geld

Als das Gespräch auf Finanzen und Franchising kommt, denkt er lange nach. „Viele sagen, das Geld sei das Problem. Ich glaube, es ist Struktur. Gute Leute gibt’s, aber niemand sucht sie systematisch.“

Er erklärt, warum Franchising nicht automatisch Stabilität bringt. „Vorher konntest du dich hocharbeiten, Tier 2, Tier 1, alles Schritt für Schritt. Jetzt sind es dieselben Namen, die rotieren. Es gibt weniger Durchlässigkeit. Weniger Raum, dich zu beweisen.“

Dann spricht er über Risiko. „Wenn du jung bist, Studium abbrichst und alles auf Esport setzt, ist das ein riesiges Risiko. Franchising sollte das auffangen, tut es aber nicht. Du kannst gut sein, und trotzdem bist du nach zwei Jahren raus. Coaching ist noch unsicherer. Du bist von allem abhängig – vom GM, vom Roster, von Persönlichkeiten. Und wenn du nicht reinpasst, war’s das.“

Er hebt kurz den Blick. „Ich will Franchising nicht schlechtreden, im Gegenteil. Es hat viel gebracht. Aber es hat Esport auch steifer gemacht. Alles ist kontrollierter, berechenbarer. Manchmal zu sehr.“

Zwischen Risiko und Zufall

Sein eigener Start war alles andere als berechenbar. „Ich war an der Uni – Informatik, Robotik, Automatisierung – und hab beschlossen, ein Jahr auszusetzen, um League zu spielen.“ Er lächelt kurz, fast über sich selbst. „Ich dachte, das ist klug. Ich hab schon damals mehr verdient als ich es nach einem Master getan hätte. Es war naiv – aber ich hatte Vertrauen in mich.“

Rückblickend wirkt es wie ein Münzwurf, der einfach richtig fiel. „Es hätte in so viele Richtungen schiefgehen können. Aber wenn du aus Osteuropa kommst, ist das Risiko kleiner. Der Sprung in ein westliches Gehalt verändert dein Leben. Für jemanden aus Deutschland oder Frankreich wäre das viel gefährlicher gewesen.“

Er sagt das ruhig, ohne Pathos. „Ich wusste, ich war gut. Und ich wusste, ich will das. Vielleicht war das genug.“

Ein Zuhause zwischen Welten

Heute pendelt er zwischen zwei Lebensrealitäten. „Ich lebe in Berlin, weil alles hier passiert – Broadcast, LEC, Meetings. Aber im Off-Season bin ich in Rumänien.“

Er erzählt von seinem Verhältnis zu beiden Orten. „Ich bin nicht mehr ganz rumänisch, aber auch kein Deutscher. Irgendwas dazwischen. Ich bin westlicher geworden – man merkt das schon, wenn ich zurück nach Hause fahre.“

Er lacht leise. „In Rumänien lächelt niemand auf der Straße. In Deutschland schon. Als ich das erste Mal hier war, fand ich das komisch. Jetzt bin ich’s gewohnt – aber ich lächle trotzdem selten.“

Er mochte Berlin nicht, lange nicht. „Ich hab’s gehasst – sechs, sieben Jahre lang. Ich hab in Charlottenburg gewohnt, niemand sprach Englisch, alles war steif. Jetzt wohne ich in Friedrichshain, das ist anders. International, ruhig, freundlich. Es fühlt sich wie ein Zuhause an.“

Der Wettkampf bleibt

Wirklich losgelassen hat er das Spielen nie. „Ich hab mit fünf angefangen zu schwimmen. Seit 25 Jahren bin ich in Wettkämpfen. Wenn das weg ist, fühlt sich alles leer an.“

Er beugt sich vor. „Ich weiß, dass ich lernen muss, anders zu konkurrieren. Ich will der beste Coach sein, der beste Analyst. Aber es ist nicht dasselbe. Wenn mir jemand sagen würde: vier Jahre LEC, immer Platz zehn – ich würd’s machen.“

Warum? „Weil ich nicht spiele, um zu gewinnen. Ich spiele, um zu spielen. Der Liebe des Spiels wegen. Gewinnen ist ein Bonus.“

Er sagt das ohne Überheblichkeit. Eher mit einer Klarheit, die sich über die Jahre aus Fehlern und Erfolgen geschliffen hat. „Ich weiß, dass ich wahrscheinlich noch hätte spielen können. Aber ich bin 30. Wenn mich ein Team genommen hätte, wäre es mein letzter Run gewesen. Ein, zwei Jahre, das war’s. Also hab ich beschlossen, früh umzusteigen. Lieber jetzt was Neues lernen, als in zwei Jahren wieder bei null stehen.“

Er zuckt die Schultern. „Ich bin pragmatisch. Ich hab zehn Jahre investiert. Ich wollte was, das bleibt.“

Arbeit, Leerlauf, Selbstdisziplin

Leerlauf kann er immer noch nicht. „Ich hasse freie Zeit“, sagt er, fast beiläufig. „Wenn ich nichts tue, denk ich, ich mach was falsch.“

Er weiß, dass das nicht gesund ist – und lacht, als er’s sagt. „Ich arbeite dran. Aber ehrlich, das ist einfach mein Hirn. Ich war Pro Spieler, da ist Freizeit gleich Scheitern. Jetzt muss ich mir beibringen, dass Erholung auch Arbeit ist.“

In seinem Ton liegt kein Selbstmitleid, sondern Beobachtung. Er kennt sich gut genug, um zu wissen, dass Wandel Zeit braucht. „Ich glaub, ich bin erst am Anfang davon, das zu akzeptieren.“

Die Sprache des Spiels

Wenn er über League spricht, tut er das, als würde er über Musik reden. „Als Spieler denkst du in Mikroentscheidungen. Als Analyst in Struktur. Als Caster in Rhythmus. Du suchst Flow. Und all das ist eigentlich dasselbe: Kontrolle über Chaos.“

Es ist dieser Gedanke, der ihn trägt – durch Rollenwechsel, Szenenwandel, Karrieren. „Ich war nie der, der nur mechanisch gut war. Ich war der, der versteht. Und das ist jetzt mein Vorteil als Coach.“

Das neue Gleichgewicht

Odoamne ist keiner, der große Parolen braucht. Alles an ihm wirkt kontrolliert, reflektiert, fast stoisch. Und doch ist da diese Wärme, wenn er über Konkurrenz, über Verantwortung, über Zukunft spricht. „Ich lern gerade, dass es mehr im Leben gibt als Wettkampf. Und das ist schwer, weil das alles war, was ich kannte. Aber vielleicht ist das der nächste Schritt.“

Linda Güster

Journalistin
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Linda Güster ist leidenschaftliche Gamerin und als Teil des Freelance-Teams bei ESI immer am Puls der eSports-Szene. Ob knallharte Dota 2-Matches, nervenaufreibende Survival-Abenteuer in Subnautica oder entspannte Stunden mit Cozy Games wie Stardew Valley — sie liebt die ganze Bandbreite des Gaming-Universums. Abseits davon bringt sie als Software-Entwicklerin und Freelancerin ihr Können in die Welten von Technologie, Mode, Finanzen und iGaming ein, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen und spannenden Projekten.
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