VCT EMEA Kickoff: Alte Macht, neue Brüche

Linda Güster
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Inhaltsverzeichnis
  1. Fnatic ohne Chronicle – ein Einschnitt mit Folgen
  2. Team Vitality und der zweite Anlauf auf Größe
  3. Gentle Mates und die seltene zweite Chance
  4. Mehr als nur ein Auftakt
VCT EMEA Kickoff
Image credit: vct_emea via X

Nach Champions Paris und einer ungewöhnlich lauten Off//Season meldet sich VCT EMEA zurück. Mit dem Kickoff-Event beginnt nicht nur ein neues Wettbewerbsjahr, sondern auch eine Phase, in der viele Narrative gleichzeitig aufeinanderprallen. Vertraute Organisationen stehen plötzlich vor Identitätsfragen, frühere Teamkollegen treffen als Gegner aufeinander und zwei neue Ascension-Teams mischen ein Feld auf, das sich eigentlich schon ziemlich sicher fühlte.

Zwölf Teams kämpfen um den ersten regionalen Titel der Saison – und um drei Tickets für Masters Santiago. Gespielt wird wieder in Berlin, im Riot Games Arena-Umfeld, das für viele längst mehr ist als nur ein Austragungsort. Es ist der Punkt, an dem sich entscheidet, wer wirklich bereit ist für das neue Jahr.

Fnatic ohne Chronicle – ein Einschnitt mit Folgen

Über Jahre hinweg war Fnatic der Fixpunkt der EMEA-Region. Selbst wenn sich Metas änderten oder einzelne Stars gingen, blieb das Fundament stabil. Der Kern um Jake “Boaster” Howlett, Emir “Alfajer” Beder und lange Zeit auch Timofey “Chronicle” Khromov sorgte dafür, dass Fnatic nie komplett aus dem Titelgespräch verschwand.

Chronicles Abgang trifft diese Struktur härter als frühere Wechsel. Er war nicht nur ein Flex-Spieler mit breitem Agentenpool, sondern jemand, der Spiele kippen konnte, wenn Systeme versagten. Dass er nun ausgerechnet zu Team Vitality gewechselt ist, macht den Einschnitt noch sichtbarer.

Mit Sylvain “Veqaj” Pattyn kommt ein Spieler, der im Off//Season durchaus überzeugt hat, aber in eine Rolle hineinwächst, die zuvor von einem der konstantesten Spieler der Region ausgefüllt wurde. Auf dem Papier wirkt das wie ein Downgrade, auch wenn Fnatic in der Vergangenheit bewiesen hat, dass starke Strukturen individuelle Verluste abfedern können.

Der Unterschied diesmal ist subtil. Fnatic startet nicht als klarer Favorit, sondern als Team, das sich neu definieren muss. Boaster und Alfajer bleiben die Anker, crashies und kaajak haben ein Jahr Erfahrung gesammelt – doch ob das reicht, um den Chronicle-Abgang sofort zu kompensieren, wird sich früh zeigen.

Team Vitality und der zweite Anlauf auf Größe

Während Fnatic einen Verlust verarbeitet, geht Team Vitality mit breiter Brust ins Kickoff. Der Kader liest sich wie eine bewusste Antwort auf vergangene Fehler. Mit der Reunion von Nikita “Derke” Sirmitev und Chronicle holt Vitality zwei Spieler zusammen, die bereits bewiesen haben, dass sie auf höchstem Niveau harmonieren können.

Dazu kommen Dawid “PROFEK” Święć und Elias “Jamppi” Olkkonen, flankiert von Coach Gregor “PAL” Morton. Das wirkt weniger wie ein kurzfristiges Starprojekt und mehr wie ein Versuch, Stabilität und Struktur miteinander zu verbinden.

Die Erinnerung an das letzte Superteam sitzt jedoch tief. Auch damals begann alles mit großen Erwartungen, bevor interne Reibungen und fehlende Synergie das Projekt zerlegten. Vitality weiß, dass Namen allein keine Garantie sind. Der Unterschied diesmal liegt im gemeinsamen Erfahrungsschatz – viele dieser Spieler wissen bereits, wie es sich anfühlt, zusammen zu gewinnen.

Ein kleiner Haken bleibt. Ștefan “Sayonara” Mîtcu ist noch nicht spielberechtigt, weshalb Vitality vermutlich mit PROFEK als Stand-in antreten muss. Für ein Kurzformat wie Kickoff kann das entscheidend sein. Ob das Team trotzdem früh seine Ambitionen unterstreicht, wird eine der spannendsten Fragen des Turniers.

Gentle Mates und die seltene zweite Chance

Kaum ein Team trägt mehr emotionale Last in dieses Kickoff als Gentle Mates. Nach dem Ascension-Triumph und dem darauffolgenden Absturz in Stage 2 war der direkte Wiederabstieg ein harter Einschnitt. Dass die Organisation nun durch den Wegfall von KOI erneut in VCT EMEA steht, fühlt sich fast unwirklich an.

Statt nostalgisch zu werden, hat Gentle Mates das Line-up konsequent umgebaut. Patrik “Minny” Hušek bleibt als Konstante, während Patryk “starxo” Kopczyński die Ingame-Leader-Rolle übernimmt. Damit bekommt Minny mehr Raum für seine aggressive Spielweise – eine bewusste Verschiebung der Verantwortlichkeiten.

Mit marteen, GLYPH und bipo setzt das Team auf eine Mischung aus Erfahrung und frischem Talent, ergänzt durch ein Trainerduo aus der Tier-Two-Szene. Es ist kein Kader, der auf den ersten Blick Angst einflößt, aber einer, der Entwicklungspotenzial ausstrahlt. Gerade im Kickoff-Format könnte das reichen, um etablierte Teams zu überraschen.

Mehr als nur ein Auftakt

VCT EMEA Kickoff ist selten nur ein Warm-up. Für manche Organisationen ist es der erste Beweis, dass Off//Season-Entscheidungen richtig waren. Für andere ist es die erste Warnung, dass Probleme tiefer sitzen als gedacht.

Fnatic muss zeigen, dass Identität auch ohne Chronicle funktioniert. Vitality will beweisen, dass dieses Superteam mehr ist als ein weiteres Experiment. Gentle Mates kämpft darum, dass diese zweite Chance mehr wird als eine Fußnote.

Und genau deshalb fühlt sich dieses Kickoff nicht wie ein Übergang an, sondern wie ein echter Neustart. Die Karten sind nicht komplett neu gemischt – aber sie liegen definitiv anders auf dem Tisch.

Linda Güster

Journalistin
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Linda Güster ist leidenschaftliche Gamerin und als Teil des Freelance-Teams bei ESI immer am Puls der eSports-Szene. Ob knallharte Dota 2-Matches, nervenaufreibende Survival-Abenteuer in Subnautica oder entspannte Stunden mit Cozy Games wie Stardew Valley — sie liebt die ganze Bandbreite des Gaming-Universums. Abseits davon bringt sie als Software-Entwicklerin und Freelancerin ihr Können in die Welten von Technologie, Mode, Finanzen und iGaming ein, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen und spannenden Projekten.
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