Claire Obscur: Expedition 33 – Das Spiel, das mich schon im Prolog zu Tränen rührte

Jasmin Bosley
Linda Güster
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Inhaltsverzeichnis
  1. Renaissance des rundenbasierten Rollenspiels
  2. Drei Seelen, ein Geflecht – Wenn Teamdynamik zur Charakterstudie wird
  3. Mein Ups-Moment mit Simon
  4. Ein Wunschzettel – und ein Dankeschön
Clair Obscur: Expedition 33

Dieser Beitrag ist Teil unser Serie: „Gaming-Empfehlungen der Esports-Insider“

Ehrlich gesagt sitze ich schon eine ganze Weile vor meinem Bildschirm, starre in das grelle Licht des Monitors und versuche, in Worte zu fassen, was ich in den letzten Wochen erlebt habe. Wie soll ich diesen Artikel nennen? Welcher Titel wäre dem gerecht, was ich gefühlt habe? Als jemand, der Artikel schreibt, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, passiert es mir sicherlich nicht jeden Tag, dass mir keine Worte einfallen.

Solltest du jetzt denken, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe: A) hast du vollkommen recht, und B) hast du vermutlich noch nicht mein Spiel des Jahres 2025 gespielt.
Die Rede ist von Claire Obscur: Expedition 33 vom französischem Entwickler Sandfall Games. Oder, wie ich es gerne nenne: „Wir alle schulden den Franzosen eine verdammt große Entschuldigung.“

In meinem letzten Artikel über Divinity: Original Sin 2 habe ich über meine neu entdeckte Liebe zu rundenbasierten Spielen geschrieben. Ich habe erzählt, wie viel Spaß mir DOS2 und Baldur’s Gate 3 gemacht haben – und wie sehr mir deren Charaktere ans Herz gewachsen sind. In einem guten Rollenspiel ist es ja fast schon selbstverständlich, mitzufühlen, mitzufiebern und an der ein oder anderen Stelle vielleicht auch eine Träne zu verdrücken.
(Grüße gehen raus an dich, Astarion.)

Was ich allerdings nicht erwartet hatte, war ein Spiel, das weit mehr ist als nur ein Spiel – nicht einmal nur ein Erlebnis. Claire Obscur ist eine Inszenierung: ein Gedicht aus Mechanik, Melancholie und musikalischer Wucht. Schon der Prolog war atemberaubend und ergreifend, und er gibt einen kleinen Vorgeschmack auf die erschütternde und unglaubliche Geschichte sowie das herausragende und zutiefst bewegende Writing.

Renaissance des rundenbasierten Rollenspiels

Viele große Studios haben sich in den letzten Jahren von rundenbasierten Kampfsystemen verabschiedet. Selbst Final Fantasy, einst das westlich bekannteste Franchise für strategisches Turn-Based-Gameplay, hat sich mit Final Fantasy XVI endgültig der Real-Time-Schiene verschrieben. Andere, wie Pokémon, hängen zwar noch am Konzept, liefern aber kaum Innovationen.

Claire Obscur: Expedition 33 hingegen macht das Gegenteil: Es nimmt das Grundgerüst des klassischen RPGs – rundenbasierte Kämpfe, Buffs, Debuffs, clevere Builds – und modernisiert es auf eine Weise, die nicht nur logisch wirkt, sondern regelrecht befreiend.

Die Kämpfe sind flüssig, visuell mitreißend und gleichzeitig tiefgründig. Statt statischem Button-Geklicke gibt es interaktive Elemente, die Timing und Aufmerksamkeit erfordern. So wird jeder Zug zu einer aktiven Entscheidung, nicht nur zu einer mathematischen Kalkulation.

Was mich besonders begeistert hat: die Art und Weise, wie sich Builds entwickeln. In vielen modernen RPGs fühlt man sich ohne Guides schnell verloren oder überfordert – ein klassisches „Wiki-first“-Spielerlebnis. Nicht hier.

In Expedition 33 ist das Build-System intuitiv, zugänglich und trotzdem unglaublich kreativ. Es macht Spaß, einfach verschiedene Skills und Ausrüstungen auszuprobieren. Man entdeckt Synergien von selbst, nicht durch externe Recherche.

Ein Beispiel:
Ich habe mit einer Kombination aus Shotgun-Fähigkeiten und einer sogenannten Death Bomb gearbeitet, kombiniert mit „Break“-Effekten. Der Plan: Gegner durch Unterbrechungen schwächen, sie dann mit AoE-Effekten in einer Explosion, die durch das Verlieren aller HP eines Charakters getriggert wurde, verschwinden lassen. Klingt vielleicht absurd – hat aber hervorragend funktioniert.

Und das Beste: Ich fühlte mich clever, nicht überinformiert. Das Spiel erlaubt es dir, kreativ zu sein, ohne dich zu bestrafen, wenn du nicht das optimale Build wählst.

Drei Seelen, ein Geflecht – Wenn Teamdynamik zur Charakterstudie wird

Manchmal begegnet man in Spielen Figuren, die einfach nur „da“ sind. Platzhalter für Werte, Fähigkeiten, Rollen. Und dann gibt es Spiele wie Claire Obscur: Expedition 33, in denen die Figuren nicht einfach Teil des Spiels sind – sondern es prägen. Formen. Tragen.

Ich habe die meiste Zeit mit einem festen Trio gespielt: Lune, Sciel und Maelle. Und auch wenn sie mechanisch klar voneinander abgegrenzt sind, war ihre Wirkung weit mehr als nur Summe ihrer Funktionen. Es war fast so, als würde man eine Theaterbühne betreten – jeder mit seinem eigenen Licht, seinem eigenen Ton, seiner eigenen Geschichte.

  • Lune, die Leichte, Schwebende: Sie wirkte fast ätherisch. Ihre Bewegungen in den Kämpfen erinnerten an Tanz, an Nebel, an etwas Flüchtiges, das sich nie ganz fassen lässt. Sie war meine Wahl, wenn es darum ging, die Welt zu erkunden. Schwebend, wunderschön und frei. ✨ She was a Fairy ✨
  • Sciel, still und strategisch: die Dirigentin im Schatten. Ihre Buffs waren nie spektakulär inszeniert, aber sie waren das Fundament, auf dem alles andere stand. Ohne sie war der Angriff halb so effektiv, die Verteidigung lückenhaft. Sie erinnerte mich an die stillen Stützen im echten Leben – die, die alles möglich machen, aber nie im Rampenlicht stehen. Ihre Präsenz gab dem Team Struktur. Und schnell entwickelte sie sich zu meiner Favoritin.
  • Maelle war die Gegenthese zu beiden. Laut. Direkt. Unaufhaltsam. Wenn sie zuschlug, wirkte es, als würde sie nicht einfach Gegner treffen, sondern die Welt kurz anhalten. In jeder ihrer Attacken lag ein Hauch von Geschichte.

Was mich am meisten beeindruckt hat, war nicht nur, wie gut sie mechanisch harmonierten – sondern wie sehr sie sich ergänzten, spiegelten, kontrastierten. Ich habe mich beim Spielen nicht gefragt, wie ich „die besten Werte“ heraushole, sondern: Wie erzählen wir diese Geschichte gemeinsam weiter?

Und als ich dann irgendwann das Ende erreichte, blieb da kein Gefühl von Abschluss – sondern eines von Neugier. Denn es gibt noch weitere Charaktere, die völlig neue Dynamiken ermöglichen. Figuren, die andere Rollen einnehmen, andere Synergien erzeugen, andere Wege zeigen.
Sie machen den Gedanken an ein New Game Plus nicht nur reizvoll – sie machen ihn fast schon unumgänglich. Ich will sehen, wie sich das Spiel verändert, wenn ich mich anders entscheide. Wenn andere Stimmen sprechen. Wenn andere Kräfte wirken.

Claire Obscur lädt nicht nur zum Wiederholen ein – es flüstert dir zu: Du bist noch nicht fertig.

Mein Ups-Moment mit Simon

Spoiler Warnung: In diesem Abschnitt geht es um einen optionalen Boss.

Abseits der Hauptgeschichte gibt es in Claire Obscur: Expedition 33 so viel mehr zu entdecken. Versteckte Bereiche, kryptische Nebenquests, seltene Items – und vor allem: Kämpfe, die nicht nur eine Herausforderung, sondern wahre Prüfsteine sind. Ich habe mir Zeit gelassen. Jeden Winkel der Karte durchforstet. Vielleicht auch, um das Ende hinauszuzögern – weil ich tief im Inneren nicht wollte, dass dieses Spiel jemals aufhört.

Der wohl härteste Gegner im gesamten Spiel trägt einen einfachen Namen: Simon. Ein optionaler Boss – aber definitiv keiner, den man „mal eben“ mitnimmt. Meine Frau und ich haben das Spiel parallel gespielt, strikt spoilerfrei. Wir haben darauf geachtet, uns gegenseitig nichts zu verraten – weder Story noch Mechaniken. Bei Simon allerdings konnte ich nicht wegsehen.

Sie kämpfte zwei volle Tage lang. Dutzende Versuche. Hunderte Tode. Ich habe miterlebt, wie sie unermüdlich versuchte, Attack-Kombinationen zu parieren, nur um wieder und wieder in einer unausweichlichen Kombo zu sterben. Ich habe jedes Fluchen gehört, jede kleine Verbesserung gesehen – und mit ihr mitgefiebert. Mir war klar: Dieser Kampf wird hart.

Ich wollte vorbereitet sein. Nicht überlevelt, aber wachsam. Und so tat ich – alles. Jede Nebenquest, jeden versteckten Boss, jede Dialogoption, jede Mechanik, die mir vielleicht einen Vorteil verschaffen könnte. Ich ließ nichts aus.

Dann stand ich ihm gegenüber. Simon.
Ich spürte Herzklopfen. Ich war bereit für mein persönliches zweitägiges Duell.

Und dann…
war er tot, bevor er seinen ersten Zug hatte.

Ein Moment, der mich laut auflachen ließ – nicht aus Überheblichkeit, sondern aus echtem Staunen darüber, wie perfekt mein Build in diesem Moment ineinandergriff.
Und vielleicht auch ein bisschen, weil ich meine Frau noch nie so kreativ fluchen gehört habe.

Aber auch, weil mir in diesem Moment klar wurde, wie viel Tiefe, Flexibilität und Freiheit dieses Spiel bietet. Dass ein Bosskampf, der für den einen ein episches Ringen bedeutet, für den anderen zu einem wohlverdienten Triumph werden kann – ohne dass sich einer davon falsch anfühlt.

Und genau da liegt für mich die wahre Meisterschaft dieses Spiels:
Es erlaubt dir, auf deine Art zu spielen – und belohnt dich dafür, dass du es ernst nimmst.

Ein Soundtrack, der unter die Haut geht – Musik als Seele des Spiels

Ich liebe Videospielmusik, aber es kommt selten vor, dass ich Tracks aus Spielen außerhalb der Spielwelt höre. Divinity: Original Sin 2 hat das mit „Sing for Me“ geschafft, Baldur’s Gate 3 mit Astarions Thema. Doch Claire Obscur: Expedition 33? Das hat mich kalt erwischt.

Der Song „Une vie à t’aimer“ hat mich beim ersten Hören regelrecht überrollt. Ein ergreifendes Lied, das nicht nur durch die melancholische Stimme und das stimmige Arrangement glänzt, sondern auch durch seine emotionale Einbettung in die Story. Es wird nicht einfach abgespielt – es wird gefühlt.

Komponist: Mathieu Alvado – Musik mit filmischer Wucht

Verantwortlich für den Soundtrack ist Mathieu Alvado, ein französischer Komponist, der schon mehrfach mit Symphonieorchestern gearbeitet hat – unter anderem mit dem renommierten London Symphony Orchestra. Alvado ist eigentlich im Bereich Filmmusik zuhause, was man Expedition 33 deutlich anhört. Sein Ansatz ist cinematisch, dynamisch und orchestral – nicht bloß Begleitmusik, sondern emotionale Regie auf Tonspur.

Seine Musik trägt die Stimmung des Spiels wie ein zweites Skript: Mal episch, mal zart, mal unheilvoll – aber immer exakt auf den Punkt. Es gibt Tracks, die sich dezent im Hintergrund halten und die düstere Welt von Claire Obscur atmend untermalen. Und dann gibt es Momente, in denen der Soundtrack die volle Bühne bekommt – etwa im Kampf, bei Story-Höhepunkten oder bei besonderen emotionalen Szenen.

Kein Spiel, das man stumm spielen sollte

Ich kann gar nicht genug betonen, wie sehr der Soundtrack mein Spielerlebnis intensiviert hat. Es ist nicht „nur“ schöne Musik – es ist ein integraler Teil der Welt. Wer dieses Spiel mit heruntergedrehter Lautstärke spielt, verpasst einen riesigen Teil dessen, was Claire Obscur: Expedition 33 so besonders macht.

Mittlerweile ertappe ich mich dabei, wie ich „Une vie à t’aimer“ in Dauerschleife höre – und jedes Mal bekomme ich wieder Gänsehaut. Das ist mehr als musikalische Untermalung – das ist emotionale Verankerung.

Ein Wunschzettel – und ein Dankeschön

Man sagt, man solle ein Spiel dann beenden, wenn es am schönsten ist.
Aber Claire Obscur: Expedition 33 fühlt sich nicht an wie etwas, das ich beenden will – sondern wie etwas, das ich weitertragen möchte. Ein Spiel, das nachhallt, nicht loslässt, Fragen stellt. Und genau deshalb bleibt da am Ende nicht nur Begeisterung – sondern auch ein Wunsch. Oder besser gesagt: ein ganzer Zettel davon.

Ich wünsche mir ein New Game+, das mehr ist als nur ein Aufguss. Eines, das mich tiefer in die Welt hineinführt, statt mich an bekannte Orte zurückzuschicken. Und bitte lasst uns die Fähigkeit, Felsen zu zerstören, behalten. Mit neuen Charakteren, neuen Kombinationen, neuen Entscheidungen. Ich will sehen, was passiert, wenn ich mich anders entscheide. Wenn ich andere mitnehme. Wenn ich noch einmal zurückkehre – aber mit anderen Augen.

Ich wünsche mir mehr Schwierigkeitsgrade – nicht, um anzugeben, sondern um herausgefordert zu werden. Expedition 33 hat mich auf „Experte“ manchmal eher gebremst als geprüft. Ich bin bereit, alles zu geben – lasst mich.

Ich wünsche mir, dass der Entwickler diesen Ton beibehält. Diese Mut zur Eigenheit, diese Nähe zur Kunst, ohne sich in Bedeutung zu verlieren. Dieses Gefühl, dass hier nicht ein Algorithmus, sondern ein Mensch gesprochen hat. Und einer, der etwas zu sagen hat.

Und vor allem wünsche ich mir, dass mehr Menschen dieses Spiel entdecken. Dass sie zuhören, wenn es flüstert. Denn Claire Obscur schreit nicht. Es überfährt dich nicht mit Explosionen oder künstlichem Hype. Es setzt sich neben dich, reicht dir die Hand – und wenn du sie nimmst, zeigt es dir eine Welt, die lange in dir bleibt.

Jasmin Bosley

Autor
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Jasmin ist seit über zehn Jahren leidenschaftlich in der Gaming- und Esports-Szene aktiv. Ihre Begeisterung reicht von kompetitiven Titeln wie Dota 2 bis hin zu entspannten Spielen wie Stardew Valley und storygetriebenen Welten wie Baldur’s Gate 3. Mit ihrem tiefen Verständnis für die Branche verbindet sie journalistisches Gespür mit persönlicher Leidenschaft und bringt so fundierte Einblicke und vielseitige Perspektiven in ihre Artikel ein. Für sie ist Gaming mehr als ein Hobby – es ist Kultur, Community und eine lebenslange Leidenschaft.
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