Speedrunning war lange eine Nische – ein stilles Spiel mit Sekunden, Fehlern und Perfektion. Doch wenn Lucina Hum, besser bekannt als Bisalina, davon erzählt, dann wirkt es plötzlich wie ein Festival. Sie hat es geschafft, die Kunst des schnellen Spielens auf die große Bühne zu bringen. Am 22. November 2025 veranstaltet sie in Köln „Bisalina Speedruns“ – Europas größtes Charity-Speedrun-Event. Über 40 Creator:innen werden live für Amnesty International Spenden sammeln, moderiert, kuratiert und angetrieben von einer Frau, die kaum stillstehen kann.
Lucina spricht schnell, lacht oft, und wenn sie über ihr Event redet, wird klar, dass hier mehr am Werk ist als ein Livestream. „Ich halte so viele Panels auf Messen und Universitäten, moderiere Bühnen und spreche über Mental Health, wann immer ich kann“, sagt sie. „Ich möchte Charities und Creatorn helfen, so viel wie möglich zu erreichen.“ Ihr Speedrun-Event sei nur ein kleiner Teil von etwas Größerem – einem Netzwerk aus Engagement, Leidenschaft und Aufklärung. Ich hatte das Glück, Lucina zu ihrem Event zu interviewen, und ganz viele Fragen stellen zu dürfen.
Vom Plüsch-Pokémon zur großen Bühne
Der Moment, in dem Lucina merkte, dass sie andere wirklich mitreißen kann, kam nicht in einem Stream, sondern auf der TwitchCon Amsterdam. „Ich hatte mein erstes Panel über Speedrunning, das live in sechs Sprachen übersetzt wurde“, erinnert sie sich. „Und als ich den ganzen Saal ‘Hallo’ zu meinem Bauz sagen lassen konnte, wusste ich: Das ist mein Ding.“
Diese Mischung aus Leichtigkeit und Kontrolle zieht sich durch alles, was sie macht. Als sie im Frühjahr 2024 die Idee für ein großes Speedrun-Event hatte, kam der entscheidende Satz von der gamescom: „Du darfst übertreiben.“ Vier Monate später hatte sie über 80 Mails am Tag verschickt, 60 Creator:innen organisiert und eine Show auf der Gamescom Social Stage inszeniert, die Speedrunning in Deutschland auf ein neues Level hob.
„Ohne diese Show wäre Speedrunning nie Teil der deutschen Esport-Definition geworden“, sagt sie. „Ich hatte eine Vision, und es hat so gutgetan, sie durchzuziehen.“
Zwischen Vision und Verantwortung
Was als Herzensprojekt begann, wurde zur Bewegung. Am 22. November versammelt sie in Köln über 40 bekannte Gesichter aus ganz Europa. Das Event verspricht schnelle Runs, Wettbewerbe und Quiz-Formate, aber auch etwas, das man nicht planen kann – Energie. „Die Zuschauer:innen erwartet ein sehr abwechslungsreiches Programm“, sagt sie. „Von lehrreichen Gaming-Quizzes bis zur 10.000-Euro-Crash-Bandicoot-Speedrun-Competition. Ich moderiere, performe selbst und freue mich am meisten auf den Boss Rush in Hollow Knight – 42 Bosse hintereinander, ohne zu sterben.“
Wenn Lucina über die Arbeit hinter den Kulissen spricht, hört man, wie viel Empathie in ihrer Organisation steckt. „Ich gehe auf jeden Creator einzeln zu und versuche, die Rolle jedes Einzelnen so auszuarbeiten, dass sie richtig scheinen“, erklärt sie. „Jeder Creator und Partner ist für mich keine Zahl, sondern ein Individuum, das mit Respekt behandelt werden muss.“
Diese Haltung – persönlich, offen, menschlich – ist einer der Gründe, warum das Projekt funktioniert. „Ich habe über zehn Jahre Erfahrung als Creator und kann mich gut auf die Bedürfnisse anderer einstellen“, sagt sie. „Vielleicht ist das der Grund, warum meine Begeisterung ansteckend ist.“
Speedrunning zwischen Szene und Mainstream
Lucina weiß, dass Speedrunning in Deutschland noch nicht den Stellenwert hat wie in den USA oder Japan. „Speedrunning wurde hier oft als Nischenformat behandelt“, sagt sie. „Das klassische Games Done Quick-Konzept funktioniert in Deutschland nicht so gut. Die Leute schauen dann doch lieber das Original.“
Was sie daraus gelernt hat: Wenn man Menschen für Speedrunning begeistern will, muss man das Format öffnen. „Ich habe jahrelang mit Sponsoren und Partnern gesprochen und oft gehört: ‘Das schaut jemand?’“, erzählt sie. „Um Speedrunning größer zu machen, muss man es mainstream-tauglich präsentieren.“
Dafür arbeitet sie an einer Mischung aus Show, Wissen und Interaktion – einem Zugang, der Neugier weckt. „Wenn du zum ersten Mal siehst, wie jemand durch eine Wand in einem Spiel geht, ist das ein Wow-Moment“, erklärt sie. „Diesen Moment muss man nutzen, um Leute an etwas zu binden, das sie sonst nie erlebt hätten.“
Heute steht sie an einem Punkt, an dem Speedrunning in Deutschland nicht mehr nur Szene, sondern Teil der Kultur wird. „Ich habe drei Jahre lang allen möglichen Partnern auf die Nerven gegangen, um an diesen Punkt zu kommen“, sagt sie und lacht. „Jetzt beschäftigt sich sogar die Politik damit. Die PR-Arbeit hätte schon viel früher anfangen müssen.“
Druck, Leidenschaft und das Lernen, nicht aufzugeben
Wenn sie über Druck spricht, wird ihr Ton ruhiger. „Ich denke oft an mein Leben zurück“, erzählt sie. „Ich habe ADHS, habe mich oft falsch gefühlt. Nach dem Auszug hat es drei Jahre gedauert, bis ich gelernt habe, wie ich mit mir selbst umgehen kann. Jetzt gibt es wenig, das mich davon abhält, Freude nach außen zu verbreiten.“
Was sie über all die Jahre gelernt hat, klingt wie ein Lebensmotto: „Es gehört wenig dazu zu lernen, wie man aufgibt, aber umso mehr, es nicht zu tun.“
Sie erzählt, dass sie über 20 Jahre gebraucht hat, um dort anzukommen, wo sie heute ist. Und wenn sie beim Event auf der Bühne steht, weiß sie, dass kein Livestream der Welt diese Ruhe zerstören kann. „Ich bin durch die Hölle gegangen, um jetzt die schönste Zeit meines Lebens zu haben“, sagt sie.
Zwischen Smash und Metroid
Trotz allem Humor bleibt sie Speedrunnerin bis ins Mark. Auf die Frage, welches Spiel sie nie wieder speedrunnen will, antwortet sie ohne zu zögern: Metroid Prime 2. „Ich habe das Spiel mit vier Prozent aller Items abgeschlossen“, sagt sie. „Das war die schlimmste Gaming-Erfahrung meines Lebens.“
Ihr Ton kippt zwischen Stolz und Respekt. „Man bekommt sechs Schaden pro Sekunde bei 99 Leben, hat fast keine Items und muss das Spiel praktisch austricksen, um weiterzukommen. Der Run kann an jeder Stelle enden. Da runne ich lieber Any%.“
Blick nach vorn
Am Ende bleibt die Frage, was für sie der perfekte Abschluss ihres großen Charity-Abends wäre, schwingt bei der Antwort wohlverdienter Stolz mit. „Ich habe mir schon das perfekte Ende überlegt“, sagt sie. „Aber das bleibt noch geheim.“
Was kein Geheimnis ist: Bisalina Speedruns ist längst mehr als ein Event. Es ist ein Zeichen, dass Leidenschaft, Haltung und Community zusammengehören – und dass Speedrunning in Deutschland gerade dabei ist, erwachsen zu werden. Ich für meinen Teil kann jedenfalls kaum abwarten, das Geheimnis des perfekten Endes zu lüften, vielleicht schaltet ihr ja per Livestream dazu.