Als jemand, der Overwatch seit fast einem Jahrzehnt begleitet, war es für mich ein besonderes Erlebnis, die OWCS-Finals auf der DreamHack 2025 in Stockholm zu besuchen. Ich habe selbst miterlebt, wie das Spiel Höhen, Tiefen und Neustarts durchlaufen hat. Umso spannender war es, mit zwei Menschen zu sprechen, die heute maßgeblich dafür verantwortlich sind, wie Overwatch Esports aussieht: Sean Miller, Director und Head of Overwatch Esports, und Fernando Escamilla Valdez, Associate Director of Overwatch Esports Product Operations.
Schon zu Beginn unseres Gesprächs wurde klar, dass beide nicht nur beruflich, sondern emotional mit dem Spiel verbunden sind.
„Wir waren zuerst Fans, bevor wir irgendwann im Esports gelandet sind“, sagt Sean und lacht.
Fernando ergänzt: „Ich war bei der BlizzCon-Ankündigung 2014 dabei – nur als Fan in der Menge. Und jetzt stehe ich hier.“
Es ist diese gemeinsame Fan-Vergangenheit, die im Gespräch immer wieder durchscheint und sich überraschend stark in ihrer heutigen Arbeit widerspiegelt.
Ein Jahr voller Highlights — und einer außergewöhnlichen Finalwoche
Auf meine Frage nach dem größten Highlight der Saison muss Sean nicht lange überlegen.
„Ganz ehrlich? Der Moment heute, hier. Wir haben noch nie zweimal hintereinander in derselben Stadt ein World Final ausgetragen. Zu sehen, wie sehr es seit letztem Jahr gewachsen ist – das ist unglaublich.“
Fernando hingegen richtet den Blick stärker aufs Sportliche.
„Für mich war es die Entwicklung der Regionen. Es war immer Korea, Korea, Korea“, sagt er. „Und dieses Jahr sehen wir ein EMEA-Team im Upper Bracket des Finales, während die koreanischen Teams unten kämpfen müssen. Das ist eine richtige Wachablösung.“
Trotz all der großen sportlichen Linien bleibt für ihn ein ganz persönlicher Moment unübertroffen:
„Die Geschichte von Willys07 ist das Beste, was passieren konnte. Letztes Jahr saß er als Zuschauer im Publikum und hat gesagt: ‚Nächstes Jahr stehe ich da oben.‘ Und jetzt ist er hier. Das ist genau das, was ein offenes Ecosystem ermöglichen soll.“
Collegiate-Esports und die Frage nach Globalität
Im Gespräch über Nachwuchsförderung und Zugangswege spreche ich das nordamerikanische Collegiate-System an, das dort eine enorme Bedeutung hat. Fernando erklärt:
„College-Sport hat in Nordamerika einen ganz anderen kulturellen Stellenwert. Darum hat sich dort alles so organisch entwickelt.“
Während ich von der Bedeutung europäischer Gaming-Hubs wie Schweden oder dem Vereinigten Königreich spreche, betonen die beiden vor allem eines: Sie möchten überall dort Wege schaffen, wo es sinnvoll ist. Sean formuliert es so:
„Wir wollen, dass Spieler weltweit einen zugänglichen Weg in den Wettbewerb haben. Wir schauen uns viele Modelle an und überlegen, was für welche Region funktionieren könnte.“
Programme, die etwas verändern: Calling All Heroes
Ein Thema, das mir persönlich wichtig war, ist die Unterstützung marginalisierter Gruppen im Gaming. Sean erzählt stolz von Calling All Heroes, einem Programm, das marginalisierte Geschlechter fördert und eigene Wettkampfsaisons bietet.
„Das Finale findet im Dezember statt“, sagt er. „Was dort passiert, ist großartig. Die Community wächst, und wir haben sogar Talente im Broadcast, die aus diesem Programm kommen.“
Fernando nickt: „AshCasts ist ein gutes Beispiel. Sie war Teil von CAH – jetzt ist sie auf unseren großen Shows.“
Als Frau in der Gaming-Szene weiß ich selbst, wie wichtig solche Initiativen sind, und es war spürbar, dass dieses Thema den beiden wirklich am Herzen liegt.
Der Blick nach vorn: Weiter wachsen, ohne alles neu zu erfinden
Für die kommende Saison der OWCS scheint das Ziel erstaunlich simpel.
„Wir wollen mehr machen“, sagt Sean mit einem gewissen Funkeln in den Augen. „Wir haben viel gelernt – und vieles hat gut funktioniert. Jetzt geht es darum, das Ecosystem zu erweitern.“
Fernando beschreibt es als „Feinschliff“:
„Wir sind an einem Punkt, wo keine riesigen Umbauten nötig sind. Es geht eher darum, Dinge noch runder zu machen – für die Teams, die Spieler und die Fans.“
Besonders begeistert sprechen beide über das Partnerprogramm, das 2024/2025 erstmals vollständig umgesetzt wurde. Neue Organisationen wie Disguised oder Team Peps haben für frischen Schwung gesorgt.
„Als Team Peps aufgerufen wurde, war der Jubel unglaublich“, erinnert sich Sean. „Damit haben wir nicht gerechnet.“
Was Fans nicht sehen: Ein Event, das ein Jahr Vorbereitung braucht
Hinter dem strahlenden Bühnenbild steckt ein enormer organisatorischer Aufwand. Fernando erklärt:
„Selbst simple Dinge wie die Hoodies und Shirts hier haben wir zu Beginn des Jahres angefangen zu planen. Zehn, elf Monate vorher.“
Sean erzählt, wie viele Elemente als spontane Kritzeleien beginnen:
„Manchmal ist es ein Entwurf auf einer Serviette. Und dann macht ein Designer daraus etwas Fantastisches.“
Ein besonderer Moment ihres diesjährigen Events wurde lange geheim gehalten: die Live-Performance des neuen Overwatch-Songs Hold Your Ground.
„Die meisten wissen gar nicht, dass das passieren wird“, sagt Sean grinsend. „Das wird richtig cool.“
Neue Formate: Bootcamps und Co-Streams direkt vom Event
Zu den interessantesten Weiterentwicklungen gehören zwei Formate, die sich als sehr erfolgreich erwiesen haben.
Erstens das neue Bootcamping, bei dem Teams früheren Zugriff auf kommende Inhalte erhalten. Fernando fasst den Sinn dahinter zusammen:
„Je ausgeglichener die Regionen vorbereitet sind, desto spannender wird der Wettbewerb.“
Zweitens die Co-Streamer, die direkt von der DreamHack aus senden. Dieses Konzept kommt aus anderen Esports-Bereichen und hat sich für Overwatch schnell als Publikumsliebling entpuppt.
Overwatchs besondere Position im Esport
Bei all diesen Entwicklungen betonen die beiden immer wieder, wie einzigartig Overwatch als Esports-Titel ist.
„Wir sehen den Esport als Erweiterung des Spiels“, sagt Sean. „Overwatch ist bunt, hoffnungsvoll, emotional – und wir wollen, dass die Turniere genauso sind.“
Der Overwatch World Cup, der 2026 zurückkehrt, ist für beide ein besonderes Aushängeschild.
„Ich kenne niemanden, der den World Cup nicht liebt“, sagt Sean mit einem Lächeln.
Hinweis zur Transparenz: Das Interview wurde in Englisch geführt und sinngemäß übersetzt.